Dienstreise

 

07.25 h

Ich verlasse das Haus. Noch einmal kurz vergewissert, ob ich meine Waffe dabeihabe. Ja, in meiner rechten Jackentasche steckt er – mein Autoschlüssel.

07.26 h

Ich sitze im Auto und sinniere. Welche Auswüchse vermeintlicher Fahrkunst werden mir heute wohl wieder begegnen?

Mein Weg ist weit. Durch die Stadt, erst Wohngebiet, dann Durchgangsstraße. Auf die Landstraße, dann auf die Autobahn und wieder in die Stadt.

Ich bereite mich mental vor, sammle meine geistigen und körperlichen Kräfte. Für den Krieg auf der Straße.

07.27 h

Ich starte den Motor. Die Zylinder brummen angriffslustig auf. Der Ninja (so heißt mein Wagen) ist bereit für den Kampf. Sido brüllt seine Hasstiraden aus den Lautsprechern, die perfekte Hintergrundmusik.

Der Motor heult mehrfach auf während ich darauf warte, dass das Tor der Tiefgarage sich schleppend öffnet.

07.28 h

Auf der Straße. Ich beobachte, warte auf Feinde. Enttäuschend, ich bin alleine. Niemand, der sich nicht um die Tempo-30-Zone schert, niemand der mir die Vorfahrt nimmt! Wo seid ihr alle?

07.29 h

Da! Parkende Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn. Ein Auto kommt mir entgegen. Fahrbahnverengung auf seiner Seite. Vorrang für mich! Ich mache mich bereit, lege die Hand auf die Hupe und – er hält an! Nun ja, ich hupe also nicht und hebe im Vorbeifahren zum Dank kurz die Hand.

Abbiegen auf die Durchgangsstraße. Fußgänger am Fahrbahnrand. Ich bin mir sicher, sie werden in letzter Sekunde über die Straße laufen und mich zum Abbremsen zwingen. Ich platziere meinen rechten Fuß über der Bremse und meine linke Hand an der Hupe. Die Fußgänger lächeln mich freundlich an und bleiben stehen.

Verdammt. Der Tag geht ja gut los.

07.30 h

Die erste Ampel. Soll ich auf der rechten Spur hinter den fünf schon stehenden Autos bleiben? Oder rüber ziehen auf die linke Spur. Da steht nur einer. Aber wenn der links abbiegt, bin ich der Depp. Die Gegenfahrbahn ist rappelvoll. Er blinkt nicht – ein sicheres Zeichen dafür, dass er abbiegen wird. Ich bleibe rechts. Die Ampel springt um. Der Typ auf der linken Spur fährt gerade aus. Ich hingegen fahre nirgends hin. Das erste Auto in der Schlange vor mir will rechts abbiegen, kommt aber wegen einer Armada von Schulkindern nicht dazu. Die Ampel wird wieder rot.

07.32 h

Ich stehe jetzt auf der linken Spur hinter einem anderen Auto das nicht geblinkt hat, aber abbiegen will. Die Schlange auf der rechten Spur steht schon eine Ampel weiter. Keine Schulkinder mehr. Der Querverkehr hupt mich an, weil ich mitten auf er Kreuzung stehe. Ich hupe zurück und fahre weiter geradeaus. Der Schülerlotse, den ich beinahe umgefahren hätte, schimpft mir mit geballter Faust hinterher. Vollpfosten! Was steht der auch da rum!?

07.34 h

Zweite Rotphase an der nächsten Ampel. Ich stehe in der rechten Schlange. Die Schulkinder sind wieder da. Ein Rentner in einem Opel zieht links an mir vorbei und grinst mich hämisch an. Oder bilde ich mir das ein? Egal, der weiß nicht, mit wem er sich da angelegt hat!

Grün. Ich ziehe nach links und setzte mich direkt hinter das Auto des Rentners. Hinter mir hupt der Audi, den ich geschnitten habe. Ich zeige ihm meinen Stinkefinger und fahre dem Rentner ganz dicht auf. In der Heckscheibe des Opel erscheint eine rote Laufschrift: „Polizei: Bitte folgen!“

07.55 h

Der Rentner ist kein Rentner, sondern ein Polizist. Irgendwie muss ich die Kopfbedeckung fehlinterpretiert haben. Er erzählt irgendwas von „Schülerlotse“, „Nötigung“ und „Strafverfahren“, nimmt meine Personalien auf und ermahnt mich, künftig rücksichtsvoller zu fahren.

07.56 h

Ich bin wieder auf der Straße.

»Was bremst Du denn da, Du Vollidiot!« schreie ich aus vollem Hals und steige in die Eisen. Nur, weil der an dem Fahrradfahrer nicht vorbei kommt, muss der doch nicht bremsen! Was macht der Kerl mit seinem Drahtesel überhaupt auf der Straße? Wozu verdammt gibt es Fahrradwege!?

07.57 h

Ich ziehe an dem Radfahrer vorbei. Eine Omi mit Tüten am Lenker. Denen sollte mn das Radfahren verbieten! So wie die schwankt ist das ja gemeingefährlich! Die Omi schwankt noch mehr, als ich knapp vor ihr wieder nach rechts ziehe.

Selber schuld, Du alte Schachtel!

07.58 h

Im Radio melden sie einen Blitzer. Genau an der Stelle, an der ich gerade bin.

Es leuchtet rot auf. Scheiße. Ich werfe einen Blick auf den Tacho. Knapp 80. Das wird teuer.

Verbrecher sind das, Wegelagerer! Die sollten mal lieber Verbrecher fangen, aber Autofahrer abzocken bringt natürlich mehr Geld! Ich beschließe, wegen dieser Abzocke an die Presse zu gehen. Das hier ist eine Ausfall-, keine Spielstraße!

08.00 h

Ortsausgangsschild. Ich trete auf das Gaspedal. Vor mir ein Schleicher. »Idiot!«, schimpfe ich. »Hier ist 100, nicht 90! Gib Gas Du Arschloch!« Ich zeige ihm die Lichthupe.

 Er bremst ab. Das 80er-Schild ist doch erst in ein paar Metern. Was zur Hölle soll das?

 Ich ziehe an dem Idioten vorbei. Der entgegenkommende Mercedes bremst scharf ab und zeigt mir den Vogel. Ich hingegen bremste beim Einscheren den Idioten aus. Immerhin ist jetzt gleich 60.

08.05 h

Verdammt, ich komme nie pünktlich zum Termin! Dieser scheiß Bulle vorhin. Diese lahmarschigen Idioten auf der Straße.

Autobahnanfang. Ich trete das Gaspedal voll durch. Die Tachonadel bewegt sich in Richtung 200.

Ein LKW auf der linken Seite. Elefantenrennen.

Weder Hupe noch Lichthupe bringen den LKW zur Räson.

Ich muss bremsen. Der Fahrer des überholten LKW zeigt mir den „Scheibenwischer“. Wichser.

08.07 h

Wieder freie Bahn. Ich gebe Gas. Im Rückspiegel taucht ein BMW auf und kommt schnell näher. Nicht mit mir, Du Arsch! Ich bleibe links, obwohl die Fahrbahn rechts frei ist. An mir kommt der nicht vorbei!

Der BMW fährt mir so dicht auf, dass ich die Scheinwerfer nicht mehr im Rückspiegel sehen kann. Und das bei 190 km/h. Tja, weder Lichthupe, noch Blinker haben mich vertreiben. Aber muss der Wichser so dicht auffahren? Das ist ja schon Nötigung!

Ich trete kurz auf die Bremse und sehe, wie der BMW leicht ins Schlingern kommt.

Ich lache.

Dann zieht er rechts an mir vorbei, direkt vor mir wieder nach links hinüber und bremst mich aus. Scheißtyp!

Ich trete voll in die Bremse.

Der Wagen bricht aus.

Sido brüllt » ich bin ein schlechtes Vorbild na und wer sagt was schlecht ist« aus dem Lautsprecher.

Alles in Zeitlupe.

Leitplanke.

Noch eine Leitplanke.

Dieser scheiß BMW-Fahrer!

Dunkelheit.

Aus.

 

Max Cooper

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