Ein verhängnisvoller Tag im Leben des Jörg H.

(1)   

Als der Radiowecker ihn mit der grauenhaften Hip-Hop-Cover-Version eines alten 80er-Jahre Rocksongs aus der Welt der Träume entriss, vermutete Jörg zunächst einen terroristischen Anschlag. Er schlug die Augen auf und stellte fest, dass der aktuelle Zustand seines „Ein-Zimmer-Wohn-Klos-mit Kochgelegenheit“ diese Vermutung zunächst bestätigte, doch die bruchstückhafte Erinnerung an die vergangene Nacht ließ erste Zweifel an seiner Theorie aufkeimen.

Verschlafen tastete er die andere Seite seines – für dieses Appartement viel zu großen – Bettes ab. Eine Abklärung der Tatsache, dass er alleine im Bett lag. Was an diesem Tag jedoch nicht der Fall war. Erschrocken zog er seine Hand zurück und spitze vorsichtig über den Rand seiner Bettdecke hinweg. Ein Schopf zerzauster Haare in einem undefinierbaren Braun schob sich in sein Blickfeld. Die Haare sahen weiblich aus. Behutsam streifte er die Bettdecke des fremden Wesens ein wenig herunter. Eindeutig weiblich. Wie konnte das sein? Verzweifelt versuchte Jörg Details der letzten Stunden aus seinem noch im Standby-Modus verharrenden Gehirn abzurufen.

Wie hatte der Abend angefangen? Wie jeden Tag um 18.00 Uhr war er von seinem Arbeitsplatz als Lohnbuchhalter in einer Provinzsteuerkanzlei geflohen und war nach Hause gegangen. Zum Abendessen gab es Tiefkühl-Schnitzel mit Mikrowellen-Pommes und Dosengemüse. Dann hatte das Telefon geklingelt. Martin war wieder einmal von seinem Lover verlassen worden und brauchte dringend eine starke, männliche Schulter zum Ausweinen. Also zog Jörg sich wieder an und begab sich ins „Mike’s“, einen heruntergekommenen „Raucherclub“ im Ortskern. Das Essen dort war noch grauenhafter als sein vor kurzem eingenommenes Abendessen. Das Bier im Mike’s war meist warm und abgestanden und die Bedienung hässlich und unfreundlich. Von daher war Jörg froh, sein Dinner bereits eingenommen zu haben.

Martin wiederum gehörte praktisch zum Inventar des „Mike’s“. Als Jörg die von dichten Rauchschwaden durchzogene Kneipe betrat, saß Martin schon an der Theke vor einem Glas Prosecco. Hätte Jörg nicht gewusst, wo sich Martins Stammplatz befand, wäre er ohne Kompass und Nebelhorn wohl hilflos in dem kleinen Raum umhergeirrt. So steuerte er zielstrebig im Blindflug auf Martin zu und ließ sich seufzend neben ihm nieder.

»Mensch Martin, kannst Du Dir nicht endlich eine neue Stammkneipe suchen? Nach jedem Besuch in diesem Drecksladen muss ich meine Klamotten waschen, weil sie stinken wie ein Skunk zur Brunftzeit.«

»Ich will rauchen«, maulte Martin zurück.

Die unfreundliche Bedienung stellte Jörg ungefragt ein Bier vor die Nase, welches noch schlechter eingeschenkt war, als ein Maßkrug auf dem Oktoberfest. Dafür war es handwarm. Jörg sah davon ab, sich zu bedanken, das hätte ihm ohnehin nur einen verwunderten Blick eingebracht.

»Was ist denn nun los?«, fragte Jörg schließlich, nachdem Martin schweigend drei oder vier Zigaretten geradezu eingesogen hatte.

Und Martin begann, mit schon leicht schwerer Zunge, seine Leidensgeschichte zu erzählen. Jörg hatte diese Story – in leicht abgewandelter Form – bestimmt schon tausend Mal gehört. Sven, Martins Freund, war wieder einmal fremdgegangen und hatte Martin die Schuld dafür in die Schuhe geschoben. Martin sein ein „langweiliges Hausmütterchen“ und ganz und gar unmännlich. Nur deshalb habe er, Sven, seine wilden Triebe an anderer Stelle ausleben müssen. Und so weiter, und so weiter. Natürlich endete auch dieses Drama (wie die etwa fünfzig Mal zuvor) darin, dass Sven melodramatisch ein paar Klamotten in seine Sporttasche stopfte und mit den Worten »Du wirst meine Gefühle wohl nie verstehen, typisch Mann« seinen Kopf in den Nacken schmiss und beleidigt die gemeinsame Wohnung verließ.

Jörg sah diesen blasierten Schnösel geradezu vor sich, wie er zwischenzeitlich bibbernd und völlig pleite in einer Eingangsnische gegenüber der Wohnung saß und darauf wartete, dass Martin nach Hause kam. „Wie zufällig“ würde er dann vorbeikommen und sich von Martin tränenreich zurückholen lassen.

»Verdammt Martin«, setzte Jörg zum wahrscheinlich fünfhundertsten Mal an. »Jetzt kapier doch endlich, dass dieser Kerl Dich nur ausnimmt. Ich meine, Du hast einen gut laufenden Betrieb, bringst ordentlich Geld nach Hause und trägst ihm der Arsch nach. Du machst seine Wäsche, kochst, putzt, gehst einkaufen und steckst ihm auch noch dauernd Taschengeld zu. Und er? Pennt bis Mittag, arbeitet nichts, vögelt sich durch die Weltgeschichte und trampelt auf Deinen Gefühlen herum. Glaub es mir doch endlich: Ohne ihn wärst Du viel besser dran.«

»Ich will mich heute besaufen – und zwar gepflegt«, hatte Martin geantwortet und Jörg damit total überrascht. Normalerweise kam auf seine Standpauke Sven betreffend eine Armada von Ausflüchten, Rechtfertigungen und Darstellungen, warum Sven eigentlich so ganz anders war und irgendwann die abschließende Feststellung, dass Sven eben im Moment eine „schwere Zeit“ hatte und sowieso er (Martin) die Schuld an allem trüge. Das war in der Regel dann der Moment, an dem Jörg endlich dieser ekelhaften Kneipe entfliehen konnte. Der Moment, in dem er (wieder einmal) seine Mission erfolgreich erfüllt und Martin zurück in die Arme seines Lovers getrieben hatte. Jörg war natürlich nicht glücklich über dieses sein Verhalten, doch was sollte er schon tun? Weitaus schlimmer wäre es gewesen, hätte Sven Martin erzählt, was sich gelegentlich zwischen ihm und Jörg in dem überdimensionalen Bett so an nicht jugendfreien Dingen abspielte.

Doch an diesem Abend klappte Jörgs Psychospielchen nicht. Sven musste es diesmal ganz gehörig übertrieben haben.

»Lass uns ins Strawberry`s gehen«, riss Martin Jörg aus seinen Gedanken. »Mir ist nach einem riesigen Cocktail und einem prallen Frauenhintern.«

So schlimm also! So schlimm, dass Martin seit etwa fünf Jahren wieder Gelüste auf das andere Geschlecht hegte! Widerstrebend folgte Jörg seinem Sandkastenfreund (der ihn übrigens fälschlicherweise für heterosexuell hielt) in die Cocktailbar.

Zwar durfte im Strawberry’s nicht geraucht werden, doch der „Long Island Ice Tea“ dort war beinahe unübertrefflich und Jörg hatte das Gefühl, dass eine enorme Menge Alkohol genau das war, was er jetzt brauchte.

Die Getränke kamen und kurz darauf auch der pralle Frauenhintern, den Martin sich gewünscht hatte. Zu dumm nur, dass der Hintern ausgerechnet seiner Chefin Frau Schwattke gehörte. Das allerdings schien Martin, der sie schon kurz darauf Annette nannte, wenig zu stören.

Nun ja, und an genau dieser Stelle setzte Jörgs Filmriss ein. Er vermutete, dass dies damit zusammenhing, dass in dem Moment, in dem Martin seine Hand auf „Annettes“ „prallen Hintern“ legte, er seinen zweiten „Ice Tea“, der noch zur Hälfte gefüllt war, auf einen Zug leerte.

So sehr er sich auch bemühte, so sehr er sein Gehirn marterte. Nichts, rein gar nichts zwischen der Hand auf dem Hintern und dem Moment, als der Radiowecker ihn mit der grauenhaften Hip-Hop-Cover-Version eines alten 80er-Jahre Rocksongs aus dem Schlaf gerissen hatte.

Nun, was sollte er tun? Wohl oder übel musste er nachsehen, wer dieses weibliche Wesen neben ihm im Bett war. Und dann musste er überlegen, wie er sie loswurde.

Vorsichtig versuchte er die Frau zu drehen. Mit weit weniger Widerstand, als er vermutet hatte, kippte sie zu ihm herüber. Meine Güte, das war die Schwattke! Seine Chefin! Und was noch viel schlimmer war: Sie atmete nicht!

Jörg hatte genug Krimis im Fernsehen gesehen um zu wissen, dass sie tot war. Dennoch fühlte er hektisch nach ihrem Puls (am Arm und an der Halsschlagader), legte sein Ohr auf ihren Brustkorb um vielleicht den Herzschlag zu hören (bei dem Anblick ihrer für ihr Alter erstaunlich festen ... ach lassen wir das), hielt ihr einen Spiegel vor Mund und Nase – Nichts! Tot, sie war tot.

Was in aller Welt sollte er tun? Jörg sah schon die Schlagzeilen im Lokalteil des hiesigen Käseblättchens vor sich: „Schwuler Buchhalter ermordet Chefin die ihn bekehren wollte“ oder „Sexuelle Nötigung durch Chefin – Buchhalter tötet Sexmonster“. Nun, er würde seinen Job verlieren (was wohl ohnehin passieren würde, immerhin hatte er keine Chefin mehr), verlöre jegliche Aussichten auf eine auch noch so kleine Karriere, stünde in der Zeitung, müsste wegziehen und er käme vielleicht sogar ins Gefängnis! Ja verdammt, was würde die Polizei denn glauben, wenn Schwattkes Leiche in seinem Bett lag! Natürlich wäre er der Hauptverdächtige! Und – vorsichtig untersuchte er ihren Unterleib – Sperma! Sein Sperma! Das würde er nie vollständig von der Leiche entfernen können!

Aus, vorbei. Sein Leben war zu Ende! Er starrte auf sein Telefon. 110 stand auf dem Display. Doch statt der grünen drückte Jörg die rote Taste. Nein die Polizei konnte er nicht anrufen.

Das Telefon klingelte. Vor Schreck hatte er es beinahe fallen lassen.

»Hey Jörg«, dröhnte es fröhlich aus dem Hörer, »auch wenn Du mich jetzt wieder verwünschen wirst, aber ich bin wieder mit Sven zusammen. Ach übrigens, ist Deine Chefin wirklich so eine Sexbombe, wie sie aussieht? Ich meine, bei dem was die Annette Dir gestern Abend so ins Ohr gesäuselt hat, solltest Du jetzt laufen wie John Wayne nach einem Ritt durch den kompletten Wilden Westen!«

»Martin«, presste Jörg hervor, »Du musst sofort herkommen, Du musst mir helfen!«

(2)    

»Verdammter Hosenschlitz!«, rief Martin entgeistert. »Was hast Du denn mit der angestellt!?«

»Sie ist tot Martin. Und ich habe Dir doch schon gesagt, dass ich keine Ahnung habe, was passiert ist.«

»Mann Jörg, damit haben die Bullen Dich an den Eiern!«

»Deswegen habe ich Dich doch gerufen. Du musst mir helfen Martin! Irgendwie! Ich tue, was Du willst, aber bitte hilf mir!«

»Hast Du schon mal darüber nachgedacht, der Polizei einfach die Wahrheit zu sagen?«, fragte Martin.

»Nein, die Wahrheit ist hier keine Alternative. Die würden mir doch kein Wort glauben! Die Leiche muss weg – und zwar so, dass sie nie wiederauftaucht!«

»Wie Du willst. Schließlich sind wir Freunde und Du willst, dass ich Dir helfe, richtig?«

»Genau.«

Martin warf einen Blick auf die Uhr. »Ist es nicht langsam Zeit für Dich, zur Arbeit zu gehen?«

»Was?«

»Arbeit. Das ist das, wofür Du bezahlt wirst. Du musst Dich ganz natürlich verhalten. Dazu gehört, dass Du zur Arbeit gehst. Also verschwinde. Ich kümmere mich um das hier und wenn du nach Hause zurückkommst, ist alles ganz so wie früher.«

»Danke Martin.«

»Hey, wir sind doch Freunde.«

Der Tag in der Kanzlei schien nicht zu vergehen. Sekunden mutierten zu Minuten. Minuten mutierten zu Stunden. Die Zeiger von Jörgs Uhr schienen festgetuckert zu sein. Doch irgendwann war es endlich geschafft und pünktlich um 18.00 Uhr verließ er fluchtartig das Büro. Zwar waren seine Kolleginnen etwas irritiert darüber, dass die Chefin sich den ganzen Tag weder gemeldet hatte, noch vorbeikam. Doch (zu Jörgs Glück) hatte sie keine Termine vorgeplant gehabt und an solchen Tagen war es schon in der Vergangenheit gelegentlich vorgekommen, dass sie einfach nicht kam.

Außer Atem kam er zu Hause an und schloss zitternd seine Wohnungstür auf. Nichts. Absolute Ruhe. Alles war wie immer. Sein Appartement lag ruhig in der untergehenden Abendsonne. Es war ungewöhnlich sauber und aufgeräumt, aber sonst: Alles wie immer.

Zögerlich warf er einen Blick auf sein Bett. Geradezu jungfräulich lag die Decke zurückgeschlagen in den letzten Sonnenstrahlen des Tages und bis auf sein Schmusekissen war es leer.

Martin hatte tatsächlich Wort gehalten. Erleichtert ließ Jörg sich in seinen Sessel sinken. Zum zweiten Mal an diesem Tag riss das Telefon ihn aus seinen Gedanken.

»Hey Jörg, alles senkrecht?«, flötete Martin aus den Hörer.

»Wie hast Du das...«, begann Jörg, doch Martin fiel ihm ins Wort.

»Lass gut sein, mein Freund. Ich denke, du schuldest mir ein Bier. In einer halben Stunde im Mike’s?«

»Ich zahle Dir gerne auch ein Essen«, gab Jörg zurück.

»Danke, lass mal gut sein. Ich wollte mich nicht vergiften.«

(3)    

Martin saß noch nicht an der Bar, als Jörg das Mike’s betrat. Also machte er es sich alleine bequem. An diesem Abend schmeckte ihm sogar das viel zu warme Bier und die Bedienung schien zu lächeln, was eigentlich unmöglich war.

Drei Biere später war Martin immer noch nicht gekommen. Frustriert bestellte Jörg noch ein viertes Bier und zeitgleich mit dessen Ankunft klingelte sein Handy.

»Sorry Jörg, mir ist da etwas dazwischengekommen«, hallte Martin von weit her. »Lass uns das Bier auf morgen verschieben.«

»Klar, kein Problem«, erwiderte Jörg mit schwerer Zunge.

»Ach ja, sollte Dich jemand fragen. Wir waren den ganzen Abend zusammen. Bekommst Du das hin?«

»Klar doch.«

Jörg zahlte und trat den Heimweg an.

Auf den dritten Versuch bekam er tatsächlich den Schlüssel ins Schloss seiner Wohnung und sperrte auf.

Doch nun war nichts mehr so, wie zu dem Zeitpunkt, als er seine Wohnung verlassen hatte. Seine Wohnung wimmelte vor fremden Menschen. Gestalten in futuristischen, weißen Anzügen rannten umher, Menschen in schlechtsitzenden Anzügen und sogar einige uniformierte Polizisten.

Einer davon griff Jörg am Arm. »Was wollen Sie denn?«

»Entschuldigung, ich wohne hier«, gab sich Jörg entrüstet.

»Dann sind Sie Herr Jörg Halmark, der Bewohner dieses Appartements?«, fragte einer der Männer mit den schlecht sitzenden Anzügen.

Jörg nickte verwirrt. »Und, und Sie?«

»Kriminalhauptkommissar Heiß. Sie können mir sicher sagen, Herr Halmark, wo wir Ihren Freund Martin Brücks finden können.«

»Martin? Äh, der war den ganzen Abend mit mir im Mike’s.«

Heiß nickte. »Und Sie können mir sicher auch erklären, was es mit der Leiche in ihrem Bett auf sich hat.«

»Leiche? Aber die war doch weg!«, stotterte Jörg und wurde sich im gleichen Moment bewusst, dass er sich verraten hatte.

»Ach so, das klingt ja interessant«, sagte Heiß und winkte eine junge Uniformträgerin hinzu. »Seien Sie doch so nett und protokollieren, was uns Herr Halmark hier zu berichten hat.«

»Nun, äh...«

»Zunächst möchte ich Sie darauf hinweisen, Herr Halmark, dass Sie hier als Beschuldigter vernommen werden sollen. Das bedeutet, dass Sie keine Aussage machen müssen, wenn Sie das nicht wollen. Haben Sie das verstanden?«

Jörg nickte.

»Nun, dann legen Sie mal los.«

»Also gestern Abend rief Martin mich an...«

»Sie meinen Herrn Brücks, mit dem Sie den heutigen Abend verbracht haben?«, fiel Heiß ihm ins Wort.

»Genau den.« Und Jörg erzählte die Geschichte bis zu dem Zeitpunkt, als er heute nach Hause gekommen war. Die Polizistin schrieb eifrig mit, unterbrach ihn gelegentlich, wenn er zu schnell sprach, und las ihm am Ende nochmals vor, was er ausgesagt hatte. Jörg bestätigte seine Aussage und unterzeichnete das Protokoll. Damit hatte er wohl sein Todesurteil unterschrieben.

Heiß blickte ihn starr an. »Das ist ja alles sehr interessant, Herr Halmark, und Sie können sicher sein, dass wir Ihre Geschichte Punkt für Punkt überprüfen werden. Aber wollen Sie uns denn nichts über die Leiche erzählen, die dort drüben in Ihrem Bett liegt?

»Was meinen Sie? Ich meine, ich habe Ihnen doch alles erzählt!«

»Um ehrlich zu sein bezweifle ich, dass es sich bei der Leiche um Frau Schwattke handelt«, bedeutete Heiß. »Es sei denn, Frau Schwattke war ein Mann.«

(4)   

Jörg wurde offiziell des Mordes an Sven Bottke, Martins Liebhaber, angeklagt. Die Leiche wurde in Jörgs Bett gefunden. An dem Eispickel, der aus Svens Brust ragte, fanden sich Jörgs (und nur Jörgs) Fingerabdrücke und in Svens Körper fand sich Sperma, welches definitiv von Jörg stammte. Unter Svens Fingernägeln fanden sich Hautpartikel mit Jörgs DNA, an Jörgs Rücken Kratzspuren von Svens Fingern. Das war zwar nicht verwunderlich, da Sven ja auch Jörgs Liebhaber war, doch Heiß glaubte Jörg kein Wort.

Das Verfahren wegen der Ermordung von Frau Schwattke wurde eingestellt. Zwar hatte die Kripo herausgefunden, dass Jörg etwa achtkommafünf Millionen Euro an Mandantengeldern hinterzogen hatten, doch das Geld blieb ebenso verschwunden, wie Frau Schwattkes Leiche.

Jörg beteuerte, dass er mit den verschwundnen Geldern nichts zu tun hatte, doch die Tatsache, dass Jörg den Verbleib des Geldes nicht offenbarte (was er ja auch nicht konnte), sprach im Prozess nicht zu seinen Gunsten. Martin sagte aus, dass Jörg ein „entfernter Bekannter“ sei und er nicht wüsste, woher Jörg und sein „geliebter Sven“ sich gekannt hätten. Er bestätigte, dass Jörg am Abend seiner Verhaftung mit ihm zusammen in Mike’s gewesen sei. Etwas, das auch die Bedienung bestätigte. »Er wirkte ganz schön fahrig«, erklärte Martin.

Jörgs Verteidiger plädierte auf Unzurechnungsfähigkeit und kam damit durch. Der Gutachter bestätigte, dass Jörg an einer „extensiven Störung der Wahrnehmungsfähigkeit“ leide und von daher sein „Steuerungsfähigkeit praktisch aufgehoben“ sei. So wurde Jörg zwar freigesprochen, doch in eine „Anstalt zur psychischen Wiederherstellung der Zurechnungsfähigkeit unzurechnungsfähiger Gewaltverbrecher“ eingewiesen. Und das so lange, bis sein geistiger Zustand als „geheilt“ galt. In Jörgs Fall hieß das wohl für immer. Denn er sah nicht ein, ein Krankheitsbild therapieren zu lassen, welches bei ihm gar nicht vorlag. Vielmehr versuchte er, seinen Therapeuten davon zu überzeugen, dass Martin ihn hereingelegt hatte. Was – nach seiner (unmaßgeblichen) Meinung – den Tatsachen entsprach.

(5)   

Kurz nach Rechtskraft des Urteils verlangte sein Verteidiger Jörg zu sprechen. Jörg fragte sich noch, was der Kerl denn wolle, immerhin war sein Job erledigt, als Martin das Besprechungszimmer betrat.

»Martin!«, rief Jörg. »Verdammt Du musst mir helfen! Du weißt doch, was wirklich passiert ist! Lass mich nicht hier versauern! Wir sind doch Freunde!«

»Das dachte ich auch«, antwortete Martin ruhig. »Aber Du musstest mir ja meinen Lover ausspannen. Und, wie soll ich sagen: Die Schwattke hat wirklich einen geilen Arsch. Und, was auch nicht zu vernachlässigen ist, ein paar Millionen auf einem Konto auf den Kaimans.«

 »Du und die Schwattke? Aber ich dachte...«

 »Ich bin schwul? Nun, mein Freund, ich bin bi. Und nein, die Schwattke lebt. Curare ist ein cooles Zeug, wenn man weiß, wie man es anwenden muss. Tja Jörg, die Schwattke war nie tot. Aber Dein Sperma an ihr konnten wir gut gebrauchen.«

 Martin wandte sich zum Gehen. »Ach ja, bevor ich es vergesse: Vielen Dank für das Alibi. Ohne Dich hätte ich nie belegen können, dass ich zum Todeszeitpunkt meines schwulen Freundes nicht in seiner Nähe war. Ich wünsche Dir noch ein schönes Leben, mein Freund.«

 

ENDE

 

Max Cooper

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christoph (Montag, 19 Februar 2018 14:03)

    Langsam werde ich zum Fan ;-)

    Weiter so Max!