Die Jolle

 

- FSK 18 -

von Max Cooper

 

 

 

Sanft ruht das alte Segelboot in den kaum merklichen Wellen des dunkelblauen Wassers. Die Dämmerung weckt den Anschein, als wäre der weitläufige See ein Meer ohne Horizont. Gelangweilt zieht eine Weisskopfmöwe ihre Bahnen durch den abendlichen Himmel. Irgendwo verliert sich das Zirpen einer Grille und wenn man genau hinsieht, sieht man sogar ein paar Glühwürmchen fröhlich herumtollen.

 

Der klapprige Steg, an dem das Boot vertäut ist, hat seine beste Zeit schon lange hinter sich. Einzelne Bohlen sind gebrochen und hängen trübe im Wasser.

 

»Dannato Diavolo!«, knurrt der alte Mann, als er an den Steg passiert.

 

Kurz hintereinander knallt die Jolle mehrfach an den Steg – fast so, als lachte sie den Passanten aus. Das Wasser des Sees ist nach wie vor sanft und bewegungslos.

 

*

 

»Mir ist langweilig!« Störrisch starrt der Junge mit herunterhängenden Mundwinkeln demonstrativ auf den Boden und stochert betont genervt mit dem verwitterten Holzstecken auf allem herum, was in Reichweite ist.

 

»Jetzt komm schon Schatz«, versucht seine Mutter, ihn aufzumuntern. »Die Sonne scheint, Du hast Ferien, wir sind gleich am See und nachher, wenn wir zurück ins Hotel gehen, kaufe ich Dir ein Eis. Versprochen.« Ihre tiefliegenden, von schwarzen Flecken umrandeten Augen zeugen davon, dass sie am Ende ihrer Kräfte ist. Und „Schatz“ ist alles andere als unschuldigen an ihrem desolaten Zustand. Diese ständige Nörgelei. Dieses andauernde »Mir ist langweilig«. Dieser gelangweilte Gesichtsausdruck. All das verursacht nur schwer zu bändigende Aggressionen in ihr. Nicht nur einmal hatte sie sich lächelnd in einem Tagtraum ertappt. Einem Traum davon, wie sie ihrem Sprössling die geballte Faust in seine missmutige Visage donnerte. Immer und immer wieder. Und dann mutierte das Gesicht des missratenen Sohnes. Wie in einem dieser Morph-Programme. Bis sie plötzlich in die Fresse ihres Exmannes schlug. Jörg, der Drecksack mit seinem schmierigen Grinsen, das auch nicht aufhörte, als ihre Fäuste schon den Rest des Schädels in blutigen Matsch verwandelt hatten.

 

Schon wieder!

 

Erschrocken schüttelt sie den Kopf. Sie muss diese Phantasien in den Griff bekommen! Thorben kann ja nichts dafür, dass sein Vater, das Arschloch, sie wegen der billigen Schlampe mit den Hängetitten aus der Lohnbuchhaltung hat sitzen lassen. Sie – und diese lebende Ansammlung von „Jörg-Genen“, die sie schon den ganzen verdammten Urlaub zur Weißglut bringt. Verflixt, warum sieht Thorben nur seinem Vater so ähnlich? Schlimm genug, dass er aussieht, wie der Klon seines Erzeugers – er benimmt sich auch immer mehr wie dieser. Ob sie ihn zu Jörg abschieben konnte? Unterhalt zahlt Jörg ohnehin nicht, da sollte er sich doch zumindest um sein Balg kümmern! Oder wäre es effektiver, ihn im See zu ertränken?

 

Verdammt, reiß Dich zusammen!

 

»Was ist das?«, holt Thorben sie aus ihren Gedanken.

 

Sie weiß, dass er sich nicht mit einem »Keine Ahnung« zufriedengeben wird. Innerlich seufzend schaut sie sich genauer an, in was er da herumstochert. »Sieht aus wie eine tote Weisskopfmöwe«, erwidert sie, ohne zu wissen, woher sie diese Information nimmt. Was zur Hölle ist eine Weisskopfmöwe?

 

»Hm, sieht aus, als wäre sie aus Papier.«

 

»Was wohl daran liegt, dass sie von der Sonne ausgetrocknet wurde.«

 

»Das kann nicht sein. Gestern lag die noch nicht hier!«

 

„Klugscheißer“, fügt sie ihrer inneren Thoben-Negativ-Liste hinzu.

 

»Woher willst Du das wissen?«

 

»Weil wir schon gestern an diesem abgefuckten Steg und diesem scheiß alten Schiff hier vorbeigekommen sind. Ich erinnere mich. Gestern war da noch keine tote Möwe!« Thorben stampft wütend auf. »Aber du glaubst mir ja eh nicht!«

 

»Wortwahl, Mister! „Abgefuckt“ und „scheiß“ will ich nicht mehr hören! Haben wir uns verstanden?«

 

Thorben schafft es erstaunlicherweise, sein Gesicht noch mehr zu verziehen, und stapft wortlos weiter.

 

»Manchmal wünschte ich, er würde einfach verschwinden!«, grummelt sie leise, als sie ihm folgt. Kurz bleiben ihre Augen an der alten Jolle hängen, die ein paar Mal an den Steg knallt, als hatte sie vor, ihr Mut zusprechen.

 

Als sie aus einigen Metern Entfernung nochmal zurückblickt, liegt das Boot völlig bewegungslos im Wasser. Wem die Jolle gehört? Sie beschließt, nachher in ihrem Urlaubsdomizil nachzufragen. In so einem kleinen Dorf kann ihr sicher jemand weiterhelfen. Womöglich stand das Boot sogar zum Verkauf? Die Idee gefällt ihr. Von so einem Bötchen hatte sie schon als Kind geträumt.

 

*

 

»Sie sollten lieber nicht zu laut über das Boot sprechen. Zumindest nicht hier im Dorf« Bruno, der Inhaber der kleinen Pension in der Thorben und sie ihren Urlaub verbrachten, lächelt sie frech an. »Die Einheimischen hier glauben, die ‚Elisabeth B.‘ sei verhext.«

 

»Verhext? Nicht wirklich, oder?«

 

»Doch. Sie nennen sie ‚Dannato Diavolo‘, was in etwa ‚verdammter Teufel‘ bedeutet. Wegen dieses Bootes werden Sie hier im Ort keine Einheimische finden, die ‚Elisabeth‘ heißt oder einen Namen trägt, der davon abstammt. So wie Ihr Name. ‚Lisa‘ wird hier nur bei Touristen akzeptiert.«

 

»Ok. Und was ist bitte sehr so schlimm an dieser Jolle?«

 

»Nun, die Legende besagt, dass beim Bau des Bootes kein Holz verwendet wurde.«

 

»Nur weil ein Boot aus Plastik hergestellt wurde, ist es doch nicht gleich verwunschen!«

 

»Plastik? Nein. Als die ‚Elisabeth B.‘ gebaut wurde, gab es vermutlich noch kein Plastik. Dafür ist sie viel zu alt.«

 

»Ach? Sie sieht aber noch recht gut erhalten aus. Wie alt ist sie denn?«

 

»Gute Frage. So um die 400 Jahre, sagen die Dorfbewohner.«

 

»Ein Boot dieser Bauart? Nicht, dass ich mich auskennen würde, aber ich kann das nicht glauben. Dafür sieht sie mir zu sehr nach Freizeitboot aus. Und sowas gab es vor 400 Jahren sicher noch nicht!«

 

»Mag sein. Ich gebe ja nur das weiter, was die Einheimischen sagen.«

 

»Und aus was wurde sie nun gebaut?«

 

*

 

Wie Thorben Mutter hasste! Seinen Vater hatte sie vertrieben. Mit ihrer spießigen Art. Ihrem ständigen Gemeckere. Und dass sie außerdem zutiefst prüde war sah schließlich jeder. Kein Wunder, dass Paps lieber diese junge Schnecke genommen hatte.

 

Und ihn zwangen sie, bei Mutter bleiben!

 

»Ich fände es super, wenn Du zu mir kommen könntest, aber die Gerichte geben doch immer der Mutter Recht«, hatte Paps gesagt. Und er hatte Recht behalten. Jetzt sackte die Alte seinen Unterhalt ein, speiste ihn mit einem lächerlichen Taschengeld ab und schleppte ihn zum Arsch der Welt an diesen verfickten See, wo es nicht einmal W-Lan gab!

 

Als der Tag am See endlich zu Ende gegangen war hatte er sie vorausgehen lassen. Vermutlich wollte sie ohnehin nur diesem Bruno wieder schöne Augen machen. Dabei brauchte er nun wirklich nicht zusehen. Klar, sie wollte Bruno angeblich nur nach diesem verschissenen Segelboot fragen, in das sie sich so unsterblich verliebt hatte. Für was hielt sie ihn? Nein, vögeln wollte sie mit diesem Bruno, das war doch klar! Was glaubte sie eigentlich, wie alt er war? Er war 14, verdammt nochmal. Er wusste, was in der Welt abging!

 

Gelangweilt schleicht er den schmalen Weg in Richtung Dorf. Nicht einmal einen Poke-Stop gibt es hier! Als er aufblickt, sieht er diese verdammte Jolle – und eine Idee materialisiert sich in seinem Kopf.

 

Sie will diese verfickte Jolle? Nun denn. Er würde sie entweihen! Und jedes Mal, wenn sie in das Boot steigt wird er wissen, dass er es entweiht hat. Verstohlen schaut er sich um. Niemand zu sehen. Vorsichtig balanciert er über den brüchigen Steg und klettert an Bord. Das Holz wirkt alt, sehr alt. Aber stabil. Es gibt sogar eine kleine Kajüte. Perfekt, dann erwischt ihn niemand so schnell. Die schmale Luke ist nicht verschlossen.

 

Zu seinem Erstaunen riecht es in der kleinen Kajüte weder modrig, noch muffig. Eher etwas staubig. Am hinteren Ende findet sich eine schmale Liege. Ideal für seinen Plan. Ursprünglich hatte er ja vorgehabt auf das Boot zu pissen. Aber unter diesen Umständen… Er lässt die Hose herunter und setzt sich auf die Liege. Lange braucht er in seinem Alter nicht – Erstrecht nicht, wenn er an Jennys Brüste denkt, die er in der Schwimmbaddusche heimlich beobachtet hatte – und schon ergießt er sich auf dem Boden der Kajüte. Eine satte Ladung.

 

Dachte er.

 

Doch als er auf den Boden schaut, ist dieser vollständig trocken. Komisch. Verwirrt versucht er aufzustehen um genauer nachzusehen. Doch er kommt nicht hoch. Seine Haut klebt an dem Holz der Liege. Er versucht, sich mit den Händen wegzudrücken. Doch außer, dass er seine Hände jetzt ebenfalls nicht mehr von dem Holz wegbekommt, hilft das gar nichts.

 

Was…?

 

Er spürt wie etwas an seiner nackten Haut – saugt. Spürt, wie sein Schweiß in das Holz gesogen wird. Sein Blut? Der verbliebene Saft aus seinen Hoden? Trockenheit macht sich in ihm breit. Er fühlt unbändigen Durst. Als er mit trockenen Augen auf seine Hände schaut, beginnt er zu schreien. Doch kein Ton dringt aus seiner völlig vertrockneten Kehle. Seine Hände – sie sehen aus wie Pergament. Wie diese verdammte Taube heute Morgen ….

 

*

 

»Menschliche Knochen.«

 

»Bitte?«

 

»Sie wollten doch wissen, aus was die Jolle gebaut wurde. Die Einheimischen behaupten, sie wurde aus menschlichen Knochen gebaut. Und aus allem anderen, was man im menschlichen Körper noch so als Baustoff verwenden kann.« Bruno grinst Lisa neckisch an.

 

»Aber das kann doch nicht wahr sein!«

 

»Nun, ich sage nur, dass die Einheimischen behaupten. Aber es wird noch besser! Raten Sie einmal, wer der arme Mensch war, der als Baustoff für die Jolle gedient hat! Ein kleiner Tipp: Es war eine Frau.«

 

Lisa lacht. »Nun, ich vermute mal, sie hieß Elisabeth. Und ihr Nachname beginnt mit B.«

 

»Genau. Elisabeth Báthory, die ungarische Blutgräfin. Die Leute behaupten, sie sei ein Vampir gewesen. Und als sie schließlich doch starb, baute man aus ihrem Körper und den Körpern ihrer Gehilfen dieses Boot – um zu verhindern, dass sie jemals wieder in ihrer menschlichen Gestalt aufersteht. Der Legende nach setzten sie das Boot im Meer aus, in der Hoffnung, dass so ein kleines Konstrukt untergeht und auf ewig verschollen bleibt.«

 

»Und wie kam es dann an diesen See? Soweit ich weiß, hat er keinen Zugang zum Meer.«

 

»Nun ja, das ist der Schwachpunkt in unserer kleinen Gruselgeschichte. Der Legende nach kam ein Sturm auf. Eine Karavelle geriet in Seenot und kenterte. Die gesamte Mannschaft kam ums Leben. Alle, bis auf zwei Jungen aus diesem Dorf, die als schwarze Passagiere auf der Karavelle unterwegs waren. Im Gegensatz zu den meisten Seeleuten konnten sie schwimmen. Schon beinahe am Ende ihrer Kräfte entdeckten sie schließlich die führerlos auf den Wellen treibende Jolle und zogen sich mit letzter Kraft an Bord. Als der Sturm vorüber war, wachte einer der Jungen auf. Er war alleine. Der andere Junge musste im Sturm wieder über Bord gegangen sein. Oder die Jolle hatte ihn verschlungen – wie es die Einheimischen hier behaupten. Jedenfalls segelte der überlebenden Junge ans Land und brachte die Jolle, die ihm das Leben gerettet hatte, an seinen heimatlichen See. Wie immer er das gemacht hat. Immerhin liegen zwischen der Küste und dem See etwa 150 km.«

 

»Und seither treibt sie ihr Unwesen also hier!«

 

»So in etwa. Aber wenn Sie mich fragen, ist die einzige wirkliche Besonderheit an der Jolle ihr Alter. Ich schätze sie auf etwa 200 Jahre. Und wenn ich damit richtigliege, ist sie etwa 130 Jahre älter, als die bisher bekannten ersten Vertreter ihre Bauart.«

 

»Das ist ja alles recht nett, doch wem gehört sie nun?«

 

»Mir. Ich habe sie zusammen mit diesem Haus gekauft. Denn: wer immer dieses Haus besitzt, dem gehört auch die Jolle. Deswegen konnte ich mir das Haus überhaupt leisten. Die Legende hat den Preis ganz schön gedrückt.«

 

»Glück für Sie.«

 

»Lust auf einen kleinen Segeltörn?«

 

Das Angebot reizt sie. Nicht nur, weil sie gerne einmal mit dem kleinen Boot fahren würde. Die Begleitung des Pensionsbesitzers erscheint reizvoll. Er scheint nett zu sein. Ausgesprochen nett. Und außerdem sieht er unverschämt sexy aus. Das wäre eine nette Abwechslung zu ihrem nervenaufreibenden Sohn. Sie lugt kurz auf ihre billige Armbanduhr.

 

»Was? Schon so spät! Wo in aller Welt steckt mein missratener Sohn nur?«

 

*

 

Der alte Mann starrt auf das Boot und seufzt. »Dannato Diavolo!«, murmelt er und macht sich an die Arbeit. An seine Arbeit, die er schon so lange verrichtet. Er streicht sich Handschuhe über und steigt vorsichtig an Bord. Der Junge war in der Kajüte verschwunden. Da würde er immer noch sein. Behäbig zieht er die Papiertüte aus seiner Jackentasche. Für die wenige Kleidung und die paar vertrockneten Überreste des Körpers reichte eine Einkaufstüte allemal. Die Elisabeth B. war ausgesprochen effektiv in dem was sie tat.

 

*

 

Zusammen mit Bruno läuft sie den verschlungenen Weg hinunter zum See. Nirgends ein Lebenszeichen von Thorben. Er hätte schon seit einer halben Stunde in der Pension sein sollen. Wollte er sie nur mal wieder ärgern? Das würde ihm ähnlichsehen.

 

Ihre Faust in seinem Gesicht. Welch wunderbare Vorstellung.

 

Sie suchen den ganzen Weg zum See ab. Nichts. Und wieder zurück.

 

Kurz bevor sie die Jolle erreichen, kommt ihnen ein alter Mann mit einer Einkaufstüte in der Hand entgegen. »Haben Sie einen 14-jähren Jungen gesehen? Blonde Haare, gelangweilter Gesichtsausdruck?«, fragt Lisa ihn.

 

Der alte Mann schaut auf. Tiefe Furchen durchziehen sein sonnengegerbtes Gesicht. Es ist schwer zu erkennen, was an seiner Haut Narbe und was Falte ist. Einst stahlblaue, inzwischen aber trübe graue Augen starren Lisa unter buschigen Augenbrauen heraus traurig an.

 

Fast unmerklich schüttelt er den Kopf. »Dannato Diavolo!«, sagt er mit krächzender Stimme und deutet auf die Jolle, ehe er seinen Kopf wieder senkt und schlurfend von dannen zieht. »Dannato Diavolo! Dannato Diavolo!«

 

Bruno schüttelt den Kopf. »Das war Giancarlo. Seine Frau ist vor vielen, vielen Jahren spurlos verschwunden, seither ist er ein wenig – eigen. Er behauptet, die Jolle hätte ihr ihr Leben ausgesaugt. Ich glaube allerdings eher, dass sie mit einem Touristen durchgebrannt ist.«

 

*

 

»Ja verdammt. Natürlich habe ich die Polizei informiert. Hältst Du mich etwa für völlig verblödet? … Drei Tage! … Wie, warum ich Dich erst jetzt informiere? Weil Du Dich schonst auch einen Scheißdreck um Deinen Sohn kümmerst! Außerdem versuche ich es seit vorgestern! Aber du bist ja nicht an Dein Telefon gegangen! Du warst wahrscheinlich zu sehr damit beschäftigt, dieses blonde Dummchen zu vögeln! … Ich will mich verdammt nochmal aufregen! … Nein, ich glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn Du herkommst! … Was!? Ach leck mich doch!« Wütend wirft sie ihr Handy auf den Tisch. »Arschloch!«

 

»Dein Mann?«

 

»Exmann. Ich hatte fast vergessen, dass er mich noch mehr auf die Palme bringen kann, als sein Sohn! Das muss an den Genen liegen. Und an seiner Stimme.«

 

*

 

»Wo ist Thorben?! Wo ist mein Sohn?!« Mit hochrotem Kopf und abstoßenden, zusammengekniffenen Augen schreit Jörg sie an.

 

»Seit wann interessiert Dich das? Wenn es um den Unterhalt geht, interessierst Du Dich auch nicht für ihn!«, keift Lisa zurück.

 

»Komm schon, das eine Mal!«

 

»Das eine Mal, dass Du bezahlt hast, meinst Du?«

 

Er packt sie an der Schulter und schüttelt sie. »Wo. Ist. Mein. Sohn?«

 

»Verschwunden. Seit einer Woche verschwunden! Das habe ich Dir schon vor vier verdammten Tagen am Telefon gesagt!« Lisa fängt an zu heulen.

 

»Ich muss ihn suchen gehen! Wo hat man ihn zuletzt gesehen?«

 

»Am See. Dort entlang«, mischt Bruno sich zu Lisas Erleichterung ein und deutet auf den Weg.

 

Wutentbrannt dreht Jörg sich um und stapft los.

 

»Was soll das noch bringen? Da haben wir und die Polizei doch schon mindestens 100 Mal gesucht!«

 

»Lass ihn, Lisa. Er braucht das jetzt.«

 

*

 

Diese dumme Schlampe! Nichts kann sie. Nicht einmal auf ihren Sohn aufpassen! Forderungen stellen, das ist das Einzige, was sie kann! Immer dieses Gelaber vom Unterhalt! Soll sie sich ihr Geld doch selbst verdienen! Von wegen Thobens Unterhalt! Für Schuhe und Handtaschen würde sie seine hart verdiente Kohle raushauen. Und bei Thorben bleibt nichts hängen! So sind sie doch alle. Weiber!

 

Die Wut in Jörg steigert sich von Schritt zu Schritt. Sie ist an allem schuld! Dieses nutzlose Miststück!

 

»Papa?«

 

Was war das? Hatte er da eben nicht Thorben gehört? Er schaut sich um. Der Schotterweg, auf dem er geht. Schilf. Ein heruntergekommener Steg. Ein kleines Boot.

 

»Papa? Hilf mir!«

 

Das Boot! Da kam die Stimme her!

 

Hastig stapft er über den Steg und schwingt sich auf die Jolle. Braungebrannt und sportlich wie er ist, stellt das kein Problem für ihn dar. Kurz bewundert er sein muskulöses Spiegelbild im klaren Wasser des Sees. Gut sieht er aus!

 

»Thorben!«

 

Nichts.

 

Er öffnet die Tür der kleinen Kajüte und tritt ein. Ist da etwas in dieser schummrigen Ecke? Seine Hand bleibt an der hölzernen Türklinke kleben. Verdammt, was … ? Er drückt mit der anderen Hand gegen das Türblatt. Nichts rührt sich. Doch jetzt klebt auch die zweite Hand fest. Er hört ein saugendes Geräusch. Irgendetwas zerrt an der Handfläche. Mit aller Kraft spannt er seine Muskeln an und zieht. Ein schnalzendes Geräusch, als die Haut der Handfläche abreißt. Seine Hand ist frei. Er schwankt, hält sich am Türrahmen fest – und die Hand verbindet sich sofort wieder mit dem Holz. Er sieht, wie die abgerissene Haut verdorrt und wie ein vertrocknetes Stück Laub zu Boden schwebt. Er wird schwach. Sehr schwach. Und durstig. Unendlich durstig. Die Umgebung um ihn herum verschwimmt. Nur seine angeklebten Hände verhindern, dass sein Körper zu Boden sinkt. Das schmatzende Geräusch wird unerträglich laut.

 

Ein letztes Mal hört er seinen Sohn. »Ich weiß jetzt alles, Vater. Alles. Ich warte auf Dich! Und das wird Dir nicht gefallen!«

 

Giancarlo wartet ergeben, bis die inhaltslosen Kleider zu Boden fallen. Dann zieht er seine Handschuhe an und macht sich an die Arbeit.

 

*

 

Verdammt! Was hatte er sich nur dabei gedacht, diesen Auftrag anzunehmen? Der Banker hatte ihm sogar gesagt, dass der Typ eine richtig harte Nuss war. Hatte sich einen teuren BMW X6 M mit allem, was an Sonderausstattung zu haben war geleast. Eine Karre für 140.000 €. Und dann schon die zweite Leasingrate nicht bezahlt. Irgendwann warn sie dann auf Kai zugekommen. Seine kleine Detektei lief mehr schlecht als recht, also erledigte er gelegentlich Fahrzeugrückholungen für Banken. In den Fällen, in denen nicht alles so ganz legal ablief. Wie bei diesem Jörg Irgendwie-Was, dem bis an diesen verdammten See gefolgt war. „Rückholung mit Schlüssel“ war der Auftrag. Den Ersatzschlüssel hatte er sich schon aus der Wohnung dieses Arschlochs besorgt. Doch der Hauptschlüssel fehlte nach wie vor. Ohne den würde Kai nur 60 % der Auftragssumme bekommen.

 

Missmutig stapft Kai den Weg zum See herunter. Irgendwo hier hat der diesen Jörg verloren. Doch außer einer alten Jolle an einem verwittertet Steg hier, irgendwo im Nirgendwo des Schilfs, ist nichts zu sehen. Ein alter Mann kommt ihm entgegen. »Entschuldigen Sie! Haben Sie einen blonden Mann gesehen? So um die 40, braun gebrannt und irgendwie – unsympathisch?«

 

»No, mi dispiace«, sagt der Alte und deutet auf den Boden. »Isse Ihre Schlüssel?«

 

Kai vermag sein Glück kaum fassen. Die Schlüssel des BMW! Direkt vor seinen Füßen! Hastig hebt er den Schlüsselbund auf und lächelt den alten Mann dankbar an.

 

*

 

»Heute sind es sechs Monate, dass Thorben verschwunden ist.« Nachdenklich lässt Lisa den tiefroten Wein in ihrem Glas kreisen.

 

»Und dein Exmann folgte eine Woche später.«

 

»Das ist etwas anderes. Sein protziger BMW ist mit ihm verschwunden. Vermutlich versteckt er sich irgendwo vor seinen Gläubigern – und vor der Schlampe, für die er mich verlassen hat.«

 

»Hast Du eigentlich über meinen Vorschlag nachgedacht?«

 

»Dauerhaft zu Dir zu ziehen?«

 

»Was sonst?« Bruno sieht Lisa mit verliebten Augen an. Seit Lisas Sohn verschwunden ist, kam sie beinahe jedes Wochenende zurück an den See. Sie hoffte noch immer, dass Thorben irgendwann einfach wiederauftauchen würde. Zwischen Bruno und Lisa hatte sich im Laufe der Zeit eine tiefe Freundschaft entwickelt. Und letztes Wochenende hatte er sie gefragt, ob sie nicht für immer bleiben wolle.

 

»Ist das jetzt ein Heiratsantrag?«, hatte sie ihn gefragt.

 

»Noch nicht ganz«, hatte Bruno lächelnd geantwortet.

 

»Nun«, holt Lisa ihn aus seinen Erinnerungen, »ich habe alle meine Sachen im Auto. Ich dachte, ich bleibe jetzt einfach gleich hier.«

 

*

 

»Unser erster Hochzeitstag!« Händchenhalten spazieren Bruno und Lisa den Weg zum See. »Was hältst Du davon, wenn wir heute unseren ersten Ausflug mit der Elisabeth B. machen?« Bisher hatte er das Thema bewusst nicht angesprochen. Doch je mehr Lisa sich bei ihm und in dem kleinen Dorf eingewöhnt hatte, umso mehr glaubte er, dass es an der richtigen Zeit war, ihr ihren alten Wunsch einmal zu erfüllen. Und die Jolle wartete letztlich sicher ebenso darauf, endlich wieder die Wellen des Sees mit ihrem Kiel zu durchpflügen. Und möglicherweise mehr.

 

»Ich dachte schon, Du fragst mich nie!«, ruft Lisa freudig.

 

*

 

Giancarlo beobachtet das Paar aus sicherer Entfernung. Er spürt, dass heute etwas passieren wird. Und er weiß, dass sich dadurch sein Leben ändern wird.

 

Die Frau, Lisa, klettert an Bord. Erstaunt sieht Giancarlo wie sie das Holz berührt. Mit nackter Haut. Und nichts passiert. Dass Bruno, der Pensionsbesitzer, ebenso unbekümmert mit der Jolle umgehen kann, verwundert Giancarlo hingegen nicht. Bruno ist der Besitzer der Jolle. Und ihrem Besitzer ist sie treu. Immer gibt es einen Menschen, dem sie nichts antut. Der Besitzer.

 

Ist es, weil Bruno diese Deutsche geheiratet hatte? Gehörte ihr damit die Pension – und die Jolle – genauso, wie Bruno? Vielleicht aber auch nicht. Wer konnte schon wissen, was diese Jolle dachte.

 

*

 

Die Sonne scheint, als gäbe es kein Morgen mehr. Der Wind ist – wie immer vormittags – eher mau und so schaukelt die Jolle gemütlich auf der Mitte des Sees vor sich hin. Bruno sitzt mit nicht mehr als einer Bade-Short und einer Sonnenbrille bekleidet am Heck des Bootes und beobachtet seine Frau, die spitzbübisch lächelnd das Top ihres Bikinis zu Boden fallen lässt.

 

»Du weißt, dass ich nicht schwimmen kann?« Das kann Bruno tatsächlich nicht. Die Dorfbewohner zogen ihn deswegen regelmäßig auf.

 

»Aber liegen kannst Du?«, erwidert Lisa und winkt ihn verführerisch zu sich heran.

 

Bruno lächelt und kriecht auf allen vieren zu seiner Frau. Fast schon herrisch – wie sie im Bett nun einmal ist – packt Lisa ihn und wirft ihn auf den Rücken. Geschickt streift sie ihm die Badehose herunter und ehe Bruno sich wundern kann, woher seine beachtliche Erektion so plötzlich kommt, sitzt sie schon auf ihm.

 

*

 

Giancarlo starrt gebannt durch sein Fernglas. Ob Bruno weiß, auf was seine nackte Rückseite da ungeschützt liegt? Lisa reitet ihren Mann geschickt, doch ihr Gesichtsausdruck erfüllt Giancarlo mit Kälte.

 

Bruno bäumt sich auf. Sein Orgasmus kommt schnell, sehr schnell. Und heftig. Sehr heftig. Lisa setzt sich zur Seite. Giancarlo spürt mehr, als dass er es sieht, was jetzt mit Bruno passiert. Viel zu oft hat er dieses Gefühl schon spüren müssen. Zu wissen, dass sich die Jolle ihre Lebensenergie nimmt. Zu wissen, dass er nichts dagegen unternehmen kann. Zu wissen, dass er bald wieder seines Amtes walten muss.

 

Seine Hände zittern, während sie das Fernglas halten. Während er Lisa beobachtet, wie sie bloß stumm dasitzt und zusieht, wie die Jolle das, was bis eben ihr Mann war, in sich aufsagt. Bis kaum mehr als eine Badehose und eine Sonnenbrille von ihm übrig sind. Wie sie lächelnd direkt in Giancarlos Richtung blickt. Als wüsste sie, dass er hier im Gebüsch sitzt und sie beobachtet.

 

Vermutlich weiß sie es wirklich.

 

*

 

»Du hast gesehen, dass Bruno über Bord gegangen und ertrunken ist. Nicht wahr Giancarlo? Und dass ich ihm nicht helfen konnte, obwohl ich alles versucht habe?«

 

Giancarlo nickt stumm, als er die Jolle am Steg vertäut.

 

»Gut. Damit ist dein Dienst beendet. Das freut Dich doch sicher. Dass ich jetzt für Elisabeth da bin, meine ich. Sie hat uns beide von unseren Problemen befreit. Dich von Deiner Frau und mich von meinem nervigen Sohn und von gleich zwei Männern!« Lisa grinst bösartig. »Und jetzt ist es an mir, ihre Dienste zu bezahlen.«

 

»Dannato Diavolo«, murmelt Giancarlo. »Dannato Diavolo.«

 

*

 

Giancarlo bleibt noch ein wenig an dem alten Steg stehen. Lisa ist gegangen. Die Polizei informieren. Sie werden ihre Geschichte glauben. Schon alleine, weil die Jolle eine Rolle darin spielt.

 

Eine Weisskopfmöwe setzt sich auf das Deck des Bootes.

 

Giancarlo macht sich seufzend auf den Heimweg. Ein letztes Mal dreht er sich um.

 

Die Möwe ist verschwunden.

 

 

 

ENDE.

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Kommentare: 2
  • #1

    Max Cooper (Montag, 19 Februar 2018 11:04)

    Über Kommentare freue ich mich!
    VG Max

  • #2

    Christoph (Montag, 19 Februar 2018 13:37)

    Servus Max,

    irgendwie hat mich deine Kurzgeschichte angesaugt und mich nicht aufhören lassen sie zu lesen! Sehr gut! Ich hoffe auf mehr!