Ein Wintermorgen

23. Dezember, irgendwo in Oberbayern

05.45 h

Der Wecker läutet. Eine Stunde früher als üblich. Gestern Abend hat es leicht geschneit. Also war diese Maßnahme unumgänglich.

Eine halbe Stunde leichtes Schneeschippen ist geplant. Etwas Frühsport kann ja nicht schaden.

06.00 h

Ich trete vor die Haustür. Wo ist nur der Weg? Hinter einem rieseigen Berg Schnee entdecke ich Teile meiner Schneefräse. Scheiße. Das wird wohl nichts mit der halben Stunde.

Ich stapfe durch den knietiefen Schnee zur Fräse und quetsche mich zu dem Gerät unters Dach. Sie springt sofort an. Irgendetwas stimmt hier nicht.

Ächzend zerre ich die Fräse auf den Weg. Jetzt sehe ich, was nicht stimmt. Der Schnee ist höher, als die 50 cm die der Schacht der Fräse laut Hersteller hoch sein soll. Egal, es wird schon gehen. 2. Gang rein und los. Unendlich langsam frisst sich die Fräse zum Gartentor. Na das klappt ja ganz gut.

06.05 h

Ich erreiche das Gartentor. Mühsam zerre ich das Eisentor auf. Der Räumdienst kommt. Ich kann den Fahrer hinterhältig lächeln sehen, während er absichtlich den gefühlt kompletten Schnee der Straße in meine Garagenzufahrt schiebt. Die Vision löst sich auf. Natürlich habe ich ihn nicht gesehen. Es ist ja noch stockfinster. Und vermutlich hat er auch gar nicht darüber nachgedacht, dass es nahezu unmöglich für mich ist, einen knappen Meter zusammengeschobenen Schnee zur Seite zu schaffen. Weder mit, noch ohne meine Fräse. Und das macht mich noch wütender. Dass er noch nicht einmal nachgedacht hat.

06.12 h

Die erste schmale Bahn des Fußweges ist geräumt. Ich habe den ganzen Schnee auf ein geparktes Auto und den Fußweg meines Nachbarn gefräst. Keine Ahnung, wem das Auto gehört. Es stand letztens einfach da. Und das, obwohl ich den Parkplatz geräumt hatte. Und das bestimmt nicht für irgendwelche Fremden. Jetzt ist es eben vollends mit kompaktem Schnee bedeckt. Eigentlich eher eingemauert. Schadenfreude macht sich in mir breit.

06.20 h

Der Fußweg ist soweit frei. Das Auto sieht man praktisch nicht mehr. Wie gerne würde ich den Besitzer beim Freiräumen zusehen. Ich mache mich an meine Einfahrt. Fräse 2. Gang (der 1. Ist einfach zu schwach). Millimeterweise kämpft sich das Gerät seine erste Bahn durch das Schneefeld des Räumdienstes.

Triumphgefühl. Langsam komme ich voran. Du bekommst mich nicht klein, Du elender Schneepflugfahrer! Du nicht!

06.25 h

Der Hausmeisterservice des Nachbarn zur Linken taucht auf. Wenn der Kerl mir wieder den ganzen Schnee des Nachbarbürgersteiges vor mein Gartentor schiebt, bringe ich ihn um. Ich werde ihn einfräsen und dann aus dem blutgetränkten Schnee einen Schneemann bauen! „Lass uns ein Spiel spielen“, denke ich grimmig. Blutrünstige Horrorfilme vor meinem geistigen Auge. Beinahe wirkt es real.

Der Hausmeister schwenkt ab. Hat ihn mein kurzfristig eingeschalteter Scheinwerfer geblendet, ihn in die Flucht geschlagen? Oder ist es mein irrer Gesichtsausruck?

Verbissen fräse ich die Zufahrt zu meiner Garage. Der Schnee fliegt auf den Fußweg des Nachbarn.

06.45 h

Ich mache mich an den Weg zum Haus. Langsam quäle ich mich in Richtung Mülltonnenabstellplatz, immerhin kommt morgen die Müllabfuhr.

06.55 h

Die letzten Feinarbeiten. Der Räumdienst des Nachbarn hat kurz vor Wegende aufgehört zu räumen und einen hohen Haufen mitten auf dem Weg liegen lassen. An ein Durchkommen für Fußgänger ist nicht zu denken. Mich packt das schlechte Gewissen. War ich zu brutal zu ihm? Fühlt er sich jetzt etwa gemobbt? Oder hatte er einen plötzlichen Anfall von Burn-Out?

Ich versuche, den nicht geräumten Teil des Weges für ihn frei zu bekommen. Jetzt versagt die Fräse. Quietscht und bäumt sich auf. Ich gebe es auf, diesen Haufen bekomme ich nicht weg. Dann bleibt also der Weg mit dem Eisberg in der Mitte. Vielleicht kommt ja die Titanic vorbei.

07.05 h

Fertig. Zufrieden betrachte ich mein Werk.

Gut, der Parkplatz ist noch nicht geräumt. Aber bevor sich da wieder ein Fremder hinstellt… . Soll dich doch die Gemeinde darum kümmern. Die behaupten ja, sie würden das tun.

Ich schaue mich um. Außer mir und dem Hausmeister hat noch niemand geräumt.

07.20 h

Ich stehe unter der Dusche. Der andere Nachbar hat zu fräsen begonnen. Es klingt wie Musik in meinen Ohren.

07.45 h

Zeit für eine Runde mit dem Hund.

07.48 h

Die Runde mit dem Hund wird beendet. Nirgends ein Durchkommen. Der Hund ist schon zwei Mal komplett im Schnee versunken (gut, er ist ja auch recht klein). Wir kehren um. Außer den Nachbarn und mir hat in der ganzen Straße noch niemand geräumt. Überall Menschen, die ihre Autos freischaufeln. Hektisch auf die Uhr blickend.

Wärt ihr mal eine Stunde früher aufgestanden.

Ich kenne den Kerl, der mit verzweifeltem Gesicht und bloßen Händen versucht, sein vor meinem Grundstück einbetoniertes Auto vom Schnee zu befreien. Ich erinnere mich. Letztes Jahr hatte ich ein Schild an meinen Zaun gehängt.

‚Wir räumen hier, also wäre es nett, wenn Sie die Parkplätze für uns freihalten‘,

stand darauf. Weil es so war. Ich räumte die Parkplätze. Und nie konnte ich darauf parken, weil irgendwer anderes darauf stand. Deshalb das Schild.

Und dann der Kerl von Gegenüber. Der mich bei der Gemeinde angezeigt hat. Ich bekam mächtig Ärger. „Die Gemeinde räumt dort, und daher können Sie die Parkplätze nicht für sich beanspruchen“, war noch das Freundlichste, was ich zu hören bekam. Also nahm ich die Schilder ab. Stellte das Räumen ein. Und buddelte heute unbewusst den Richtigen zu.

Der Kerl fragt mich nach einer Schaufel und einem Besen. Sein Besen ist im Auto. Tja, mein Freund, Pech gehabt. Ich lächle ihn stumm an und gehe weiter.

07.50 h

Ich steige in mein Auto. Meine Einfahrt ist geräumt, ich komme raus.

Denke ich.

Der Schneepflug. Verdammt.

Ich steige wieder aus.

Hole meine Schneeschaufel.

Ich weiß inzwischen, wie soziopathische Serienmörder sich fühlen müssen. Der Schneepflugfahrer hängt an einer langen, blutgetränkten Kette am nächsten Baum. In meiner Phantasie.

Die Wut verleiht mir Kraft zum Schaufeln. Und der Anblick des Kerls von Gegenüber. Den der Schneepflug noch mehr zugeschoben hat. Unendliche Verzweiflung macht sich in seinem Gesicht breit.

Sehnsüchtig starrt er meine Schneeschippe an.

Ich räume die Einfahrt wieder frei und sperre die Schippe in der Garage ein.

Im Auto wird es schon langsam warm.

Ich fahre an dem Kerl vorbei und lächle ihn verschlagen an. Ich stelle mir vor, wie er mit letzter Kraft an meiner Garagentür rüttelt, um an die Schneeschaufel zu kommen. Wie er schreit, wimmert und schließlich im Schnee zusammenbricht. Sie werden ihn finden. Im Frühjahr. Wenn die Welt wieder auftaut. Der Polizist wird langsam den Kopf schütteln. „Armer Kerl, hätte er Schaufel und Besen nur nicht in seinem Auto gelagert.“

Im Radio läuft „Last Christmas“. Jetzt weiß ich wieder, was ich am Winter hasse.

08.00 h

Es beginnt zu schneien.

Max Cooper

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0