Black Eyes

German schaffte es kaum seine Augenlider zu heben. Die nähere Umgebung war in gefälliges Halbdunkel getaucht, was den Gegenständen um ihn herum pastellartige Kontouren verlieh. Er lag in seinem Bett. Zumindest fühlte es sich so an. Und es roch so. Er sollte wirklich dringend mal seine Bettwäsche wechseln. Ein Wunder, dass noch keine der Damen, welche hier in letzter Zeit genächtigt hatten, Anstoß an dem Geruch ihrer Vorgängerinnen genommen hatte.

Vorsichtig legte er seine Hand er auf den Platz neben sich. Es wäre nicht das erste Mal, dass er ein ihm bis dato unbekanntes weibliches Wesen morgens auf dem Platz neben sich auffand. Schon gar nicht nach einer durchzechten Nacht. Und eine solche hatte er ganz offensichtlich hinter sich. Dem Gefühl in seinem Kopf nach, mussten es mindestens acht bis neun Gin Tonic gewesen sein. Vielleicht auch deutlich mehr. Mit starker Betonung auf den Gin.

Es kostet ihn einen Großteil seiner Kraftreserven, einen Blick auf seine Nachttischuhr zu werfen. Vor einiger Zeit hatte er sich ein Modell zugelegt, dass ihm nicht nur die Uhrzeit, sondern auch Tag und Datum verriet. Nicht dass er – wieder einmal – dachte, es sei Sonntag, obwohl es bereits Montag war. 09.00 Uhr. Eine Stunde nach Dienstbeginn.

Zu seiner Erleichterung war es Sonntag. 14.00 Uhr. Musste wirklich eine heftige Party gewesen sein. Zumal er noch komplett bekleidet war.

Mit letzter Kraft hievte er sich aus dem Bett, schaltete im vorbeischlürfen seinen Kaffee-Vollautomaten ein, entledigte sich auf dem Weg ins Bad seiner Klamotten und stellte sich unter die Dusche. Üblicherweise schoss das Wasser aus seiner Regendusche sofort warm hervor.

Allerdings nicht heute.

Germans Herz setzte für ein oder zwei Schläge aus, als die eiskalte Flüssigkeit mit geballter Wucht auf seinen Körper traf.

„Fuck“, brüllte er und sprang aus der Duschwanne heraus. Langsam stieg die Temperatur an. Warum nicht gleich so? Zumindest hatte der unerwartete Schock ihn ein wenig ausgenüchtert. Vorsichtig trat er wieder unter den nun wohl temperierten Wasserstrahl. Ein paar Minuten genoss er einfach das Wasser, das an seinem muskelbepackten Körper hinabfloss.

Er seifte sich ein und … „Fuck!“ … das Wasser wurde schlagartig kochend heiß. Wieder sprang er aus der Duschwanne, regulierte erneut die Temperatur und schaute zu, dass er schleunigst die Seife abgewaschen bekam, bevor diese psychopathische Dusche noch vollends durchdrehte. Der Hausverwaltung würde er verdammt nochmal was erzählen!

Mürrisch wickelte er sich in sein Handtuch und griff kurz an sein Kinn. Ok, eine Rasur würde jetzt auch nicht schaden. Er föhnte den beschlagenen Spiegel. Scheiß Dusche.

Als das Ding endlich beschlagfrei war, blickte er hinein. Eigentlich war er nicht sonderlich eitel oder gar selbstverliebt, doch seine stahlblauen Augen faszinierten sogar ihn selbst.

Nur, dass sie heute nicht stahlblau waren.

Sondern schwarz.

Und zwar vollkommen schwarz.

Nicht einmal der Augapfel war mehr weiß, sondern ebenso schwarz wir Iris und Pupille.

Germann starrte in den Spiegel und bemerkte dabei nicht, dass der Föhn scheppernd auf dem gefliesten Boden aufprallte und sich krachend seines Kunststoffgehäuses entledigte.

„Was zur Hölle… ?“

*** Vierzehn Stunden zuvor ***

„Hey, bist du neu hier?“ German packte sein strahlendes Zahnpasta-Lächeln aus und setzte seine strahlenden Augen gekonnt in Szene.

„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass deine Anmachsprüche öde sind?“

„Klar, ständig.“ German lächelte sie spitzbübisch an.

„Und dein Grinsen ist es ebenso.“

„Vielleicht reißen es ja dann meine wunderschönen, stahlblauen Augen raus?“

Sie neigte ihren Kopf und blickte ihm tief in seine Augen. Ihre Augen waren schwarz wie die Nacht dunkel. So etwas hatte German noch nie gesehen. Er konnte nichts darin erkennen. Verwirrt blinzelte er. Das musste eine Halluzination gewesen sein. Als er es erneut versuchte, leuchtete sie ihn in tiefdunklem Grün an. German war hin und weg.

„Wow, das Grün deiner Augen haut einen direkt um. Ich muss zugeben, da kann selbst ich nicht mithalten.“ Germans Lächeln breitete sich in seinem ganzen Gesicht aus. Zumal er ausnahmsweise nicht nur einen billigen Anmachspruch absonderte, sondern es wirklich ernst meinte.

„Was hast du da eben gesagt?“

„Ich sagte, das Grün deiner Augen haut einen direkt um. Ich muss… .“

„Meine Augen sind grün?“

„Ja, aber … .“

„Sie sind grün!“, brüllte sie und küsste German auf den Mund.

Verdattert starrte er sie an.

Ihre Fröhlichkeit wich einem diabolischen Grinsen. Sie beugte sich ganz dich an ihn heran, bis ihre Lippen nur noch ein en Hauch von seinem rechten Ohr entfernt waren.

„Jeder, dem du von nun an in die Augen blickst, wird unweigerlich sterben. Außer, jemand nimmt dir den Fluch ab, wenn du ihm in die Augen siehst.“ Sie lachte kehlig. „So wie du mir gerade eben. Besten Dank, Arschloch.“

Ehe German sich versah, war sie auch schon verschwunden.

Was hatte sie da eben gesagt? Er wird sterben? Nein, sicher nicht. Der Gin vernebelte offenbar seine Sinne.

Egal.

Er hob die Hand und Joe der Barkeeper stelle ihm kurz darauf einen Gin Tonic vor die Nase. Viel Tanqueray mit wenig Thomas Henry und sehr viel Eis. German mochte seine Drinks eiskalt.

„Coole Kontaktlinsen“, sagte Joe, nachdem er German einen Augenblick etwas verwirrt angesehen hatte, und verschwand.

German schüttelte den Kopf. Was laberte Joe da für einen Blödsinn? Er nahm einen kräftigen Schluck seines Drinks und schaute gedankenverloren dem umherwirbelnden Barkeeper zu, während er die Eiswürfel in seinem Glas kreisen ließ. German genoss es, Joe dabei zu beobachten, wie er mit fließenden Bewegungen Drinks mixte und dabei scheinbar alle Rezepte aus dem Handgelenk beherrschte. Wäre German schwul, er würde sich sicher in Joe verlieben. Allein, weil dieser so lässig Drinks mixen konnte.

Joe war gerade dabei, einen Long Island Ice Tea in seinem Shaker zu bearbeiten, als er sich plötzlich an die Brust griff. Der Shaker fiel ihm aus der Hand. Joe wurde aschfahl. Kalter schweiß trat ihm auf die Stirn. Er starrte German mit riesigen, angstgeweiteten Augen an.

„Du!“, krächzte er mit letzter Kraft, ehe er krachend ins Gin-Regal kippte.

„Herzinfarkt. Bei einem Jungen in dem Alter.“ Der Notarztschüttelte deprimiert den Kopf, als er dem Sanitäter bedeutet, die Wiederbelebungsversuche abzubrechen.

German und ein paar seiner Freunde nahmen das zum Anlass, den Club zu wechseln. Hier würde heute Nacht wohl nichts mehr passieren.

Knappe 15 Minuten später bestellte German seinen nächsten Gin Tonic. Diesmal bei einer volltätowierten Kampflesbe, die ihn mit einem bestenfalls abschätzigen Blick betrachtete und wenn überhaupt, dann nur mit einem betont sarkastischen „Sonnyboy“ anredete. Offensichtlich reichte ihr der Anblick, seines Krokodil-geschmückten Poloshirts für ihre Einschätzung.

Etwas offener gestaltete sich da die Kontaktaufnahme zu einer rothaarigen Schönheit, der sich German zuwandte, als er seinen Drink schon beinahe wieder geleert hatte.

„Hey, bist du neu hier?“ German packte sein strahlendes Zahnpasta-Lächeln aus und setzte seine Augen geübt in Szene.

Die Rothaarige beugte sich näher zu ihm und blickte tief in seine Augen. Das lief ja um einiges besser, als vorhin.

„Wow“, sagte sie. „Das sind mal außergewöhnliche Augen.“ Dann erbrach sie Blut, schaute German noch einmal kurz an und rannte - immer weiter kotzend - Richtung Ausgang.

Anscheinend war heute nicht Germans Tag. Erst die Tante, die ihn abblitzen ließ. Und dann eine, die Kotze, als sie ihn sah. Er ließ sich von der tätowierten Barkeeperin noch einen großen Gin Tonic mixen. Zumindest das mit dem Alkohol funktionierte in dieser Nacht noch.

***

All das schlich sich wieder in seine Erinnerung, während er im Spiegel in seine schwarzen Augen starrte.

Konnte es wirklich sein? Hatte er Joe und diese Rothaarige auf dem Gewissen? Wobei, die Rothaarige war ja nicht gestorben. Oder doch?

German riss sich von seinem Spiegelbild los und öffnete die Nachrichten-App auf seinem Handy. Gleich auf der ersten Seite des Regionalteils sprang ihn ein Foto der Rothaarigen von letzter Nacht an. Verziert mit der netten Überschrift: „Blutbad vor Club – Frau stirbt im Drogenrausch!“

Das Foto zeigte sie blutverschmiert in einer riesigen Blutlache auf dem Parkplatz des Clubs liegend. Der Autor vermutete in dem kurzen Artikel, sie habe illegale Substanzen mit blutgerinnungshemmender Wirkung zu sich genommen.

Doch German wusste, dass die Kleine noch kurz zuvor stocknüchtern gewesen war.

Aber, das, das ist doch nicht möglich.

Nein.

Er war das nicht.

Wieso?

Wie?

German ließ sein Handy fallen.

Regungslos und nackt wie Gott ihn schuf stand er in seinem Loft. Was zur Hölle war hier nur los?

Seine Türglocke veranlasste ihn dazu, mechanisch zur Eingangstüre zu gehen und diese zu öffnen.

„Fuck, schau mir bloß nicht in die Augen!“ Eine Frau mittleren Alters schob sich an German vorbei in das Appartement. „Und verdammt nochmal zieh dir was an!“

Verdattert schloss German die Tür und schlüpfte auf dem Weg in Wohnzimmer in seinen zufällig herumliegenden Jogginganzug. Zwischenzeitlich hatte sich die Frau bereits ein ausgesprochen großzügiges Glas Whisky eingeschränkt und es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht.

„Wer sind Sie?“ German blickte auf die Frau herab, welche jedoch ihren Kopf abwandte.

„Ich schlage vor, du setzt dir erstmal eine Sonnenbrille auf und setzt dich hin. Dann erkläre ich dir alles. Unter anderem, was das mit deinen schwarzen Augen auf sich hat.“

Das war ein Argument. Also schnappte German sich – ohne zu wissen, was das bringen sollte - seine Sonnenbrille von dem zugemüllten Schreibtisch, setzte sie auf und lümmelte sich in einen Sessel.

Er musterte seine Besucherin. Sie wirkte auf ihn, als käme sie geradewegs von einem Rockkonzert. Beinahe hüftlange, strähnige blonde Haare mit dunklem Ansatz umspielten – oder umringten – durchaus breite Hüften. Sie war vielleicht eins fünfundsechzig groß, wog aber sicherlich achtzig Kilo. Ihr Gesicht zeigte Ansätze von Falten, welche vermutlich deutlicher hervortreten würden, wäre sie dünner. Sie trug ein Tour-Shirt einer im unbekannten Rockband namens ‚The Frairs‘, verwaschene Jeans und Chucks.

„Also, wer sind Sie und was haben Sie mir zu erzählen?“

„Ganz schön forsch, Bürschchen. Für einen, der in einer Nacht zwei Menschenleben genommen hat. … Nun gut. Nenn mich Sam, wenn du unbedingt einen Namen brauchst. Das tun alle. Und ich bin der einzige Mensch auf diesem verdammten Planeten, der dir helfen kann. Wie du sicherlich bereits festgestellt hast, sind deine Augen tiefschwarz. Das hast du der hübschen jungen Dame zu verdanken, die du vergangene Nacht so plump angebaggert hast.“

„Soweit war ich irgendwie auch schon.“

„Klar. Was du aber nicht weißt, Bürschchen, ist dass dieses hübsche weibliche Wesen in den letzten drei Monaten das Ableben von knapp fünfzig Menschen zu verantworten hat. Grob gerechnet, alle zwei Tage einer. Da kommt deine Bilanz mit zweien in einer Nacht schon in Rufweite.“

„Aber, wie …“

„…ist das möglich? Nun ja, lass es mich so formulieren, dass selbst ein Schmock wie du es versteht: Du bist verflucht. Oder besessen, wenn dir das besser gefällt.“

„Blödsinn. Sowas gibt es doch gar nicht!“

„Sagt der Typ mit den schwarzen Augen. Wie ist denn deine Theorie, Bürschchen? Zuviel Tintenfisch beim Griechen gestern Abend, oder was?“

„Nun gut, angenommen es stimmt, was Sie sagen. Wie werde ich diesen ‚Fluch‘ dann wieder los?“

„Endlich mal ein sinnvoller Beitrag. Gut. Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. Möglichkeit Eins: Du gibst ihn weiter. Du schaust jemand anders tief in die Augen und der Fluch geht auf ihn oder sie über. Dummerweise funktioniert das nur ausgesprochen selten. Wie bei dir gestern Abend.“ Sie nahm einen großen Schluck Whisky. „Und wenn es nicht klappt, nun, dann stirbt die andere Person kurz darauf. Unweigerlich. Doch die gute Nachricht ist: Es wird immer aussehen, wie ein natürlicher Tod. Aber du wirst wissen, dass du diesen Menschen umgebracht hast.“

„Scheiße…“

„Ach ja, Sonnenbrille hilft. Damit passiert nichts.“

„Soll ich jetzt etwa immer mit Sonnenbrille herumlaufen? Die Anderen werden mich ja für völlig bekloppt halten!“

„Besser, als sie umzubringen.“

„Und Möglichkeit zwei?“

„Du begehst Suizid.“

„Bitte was?“

„Selbstmord. Du bringst dich selbst um die Ecke, metzelst dich selbst nieder, setzte deinem Leben ein Ende, ziehst deinen Stecker… .“

„Ich habe es schon verstanden.“

„Wäre für diene Umwelt die bessere Lösung. Sozialverträglicher. Andererseits, wenn du auf Variante Eins spekulierst und es einfach austestest, könntest du vielleicht etwas gegen die Überbevölkerung auf diesem Planeten tun. Das wäre dann zumindest klimafreundlich. Oder du trägst fortan ganztags Sonnenbrille. Wie Ray Charles. Du könntest plötzliche Erblindung vortäuschen.“ Sam lachte kehlig.

German allerdings hatte nichts übrig, für ihren kruden Humor.

„Und welche Rolle spielen Sie in diesem Stück, Sam?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Sieht so aus, als hätte ich Zeit.“

*** Zehn Jahre zuvor ***

„Samantha, Schatz. Schön, dass du endlich hier bist!“ Barry schloss sie schraubzwingenartig in seine muskulösen Arme und ließ sie nicht los, bevor sie ihm einen dicken Kuss auf seine behaarte Wange drückte.

„Was zur Hölle tun wir hier?“ keuchte sie, als sie langsam wieder Luft bekam. „Midlands? Staffordshire? Echt jetzt?“

„Worcestershire, West Midlands, um genau zu sein. Immerhin befinden wir uns in der City of Broadway, dem ‚Juwel des Cotswolds‘“, grinste Barry. „Du wolltest doch schon immer mal nach Broadway!“

„Ich meinte den Broadway in New York und nicht ein Touristenkaff in Großbritannien, das zum Verwaltungsbezirk einer Stadt gehört, die nach einer Sauce benannt ist.“

„Tatsächlich ist die Sauce nach der Stadt benannt. Auch wenn das Original Worcestershiresauce heißt.“

„Wie auch immer Barry. Was machen wir in diesem Kaff?“

Barry zog Sam zu einem kleinen Tisch in einer dunklen Nische des altertümlichen Pubs und blickte sie verschwörerisch an.

„Es gab Sichtungen.“

„Und was? Langarmige Aliens? Fliegende Untertassen? Das Monster von Loch Ness?“

„Loch Ness ist im schottischen Hochland. Nein, Sam. Black-eyed children. Humanoide, die wie Kinder im Alter zwischen sechs und sechzehn Jahren aussehen. Ganz normal gekleidet. Sie reden ziemlich frühreif. Sie kommen nachts zu einsamen Häusern, meist mit alleinstehenden Bewohnern. Sie klingeln und bitten um Einlass. Meist verwenden sie einen Vorwand. Sie wollen dringend telefonieren, oder auf die Toilette. Dem Opfer wird meist misstrauisch, wenn ihm die komplett pechschwarzen Augen des Kindes und die merkwürdig blasse Hautfarbe auffallen. Versucht der Hausbesitzer das Kind, manchmal auch mehrere, wegzuschicken, verhalten sich diese oft aufdringlich und weigern sich zu gehen. Sie versuchen dann, den Hauseigentümer zu überreden, sie doch noch hereinzulassen oder ihnen Obdach zu gewähren. Letztendlich gehen sie aber doch freiwillig und wenn das Opfer ihnen auf der Straße nachblickt, lösen sie sich einfach in Luft auf. Soweit die Sage.“

„Ah ja. Und wenn man sie hereinlässt?“

„Dazu gibt es keine Erfahrungsberichte. Aber die Zahl der Toten in derartigen Anwesen liegt hier deutlich über dem statistischen Mittel.“

„Und woran sterben die Hausbesitzer dann?“

„Herzinfarkt, Schlaganfall und ähnliches. Natürliche Ursachen.“

„Finde den Fehler, Barry.“

„Nun ja, meist gab es bei den Betroffenen aber keinerlei Vorerkrankungen. Wir haben sechs bestätigte Todesfälle von Menschen ohne jegliche Vorerkrankung. Vollkommen gesund. Fünf davon hatten in den drei Wochen vor ihrem Tod sogar gründliche Gesundheitschecks gemacht. Ohne jeden Befund.“

„Und was ist jetzt unser Job?“

„Feldforschung. Bisher gibt es keine wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Phänomen. Und es ist unser Job, das zu ändern.“

„Und die Uni rückt dafür Geld raus? Ich meine, paranormale Phänomene sind ja nicht wirklich eine Herzensangelegenheit unseres Dekans.“ Tatsächlich hatte der Dekan allenfalls abfällige Bemerkungen für derartige Forschungsvorhaben übrig. Schon, wenn es wirklich greifbare Fakten gab. Aber erstrecht, wenn es um unbestätigte Mythen ging.

„Nun, anscheinend hat ein privater Gönner die Uni mit einer großzügigen Spende bedacht. Unter der Prämisse, dass wir beide für diese Arbeit freigestellt werden. Und unsere Mittel sind nicht begrenzt.“

„Und wo ist der Haken?“

„Nun ja, es gibt nur uns beide. Kein weiteres Personal.“

„Und wie gehen wir vor?“

„Nun, ich dachte wir suchen uns zwei nette Häuser aus, bauen Kameras und Tonaufzeichnungsgeräte auf und warten ab. Aber denk daran, lass die Kinder nicht herein.“

***

Und so saß Sam nun schon seit über drei Wochen jede Nacht in diesem abgelegenen Cottage, las Bücher, schaute fern und warf gelegentlich einen Blick auf das Bild des Überwachungsmonitors. Selten hatte sie ihr Geld so einfach verdient und selten war ihr so langweilig gewesen.

An diesem Abend hatte sie ihren ersten Harry-Potter-Roman geschafft und war – nachdem sie die letzten Worte gelesen hatte – eingenickt. Was vermutlich auch an dem Bourbon lag, den sie sich gegönnt hatte. Zum Leidwesen ihrer Freunde und Verwandten zog sie den amerikanischen Whiskey dem britischen Whisky vor. Und trank ihn auch noch auf Eis – was den ein oder anderen Nörgler dann wieder ein wenig beruhigte. „Dieses Zeug kannst du ruhig mit Eis versauen“, hatte Barry einmal abfällig kommentiert.

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihrem unruhigen Nickerchen. Noch leicht im Dunst ihres Bourbons verfangen startete sie ihre Aufzeichnungsgeräte und ging zur Tür. Vor ihr stand ein etwa zwölfjähriger Junge mit aschblondem Haar. Er trug etwas, das aussah, wie eine Schuluniform. Shorts, ein akkurat zugeknöpftes Sakko, weißes Hemd, Krawatte und eine Kappe. Sam überlegte sich noch, dass es viel zu kalt war, noch in kurzen Hosen herumzulaufen. Sollte es wirklich … .

„Bitte entschuldigen Sie die späte Störung, Myladay. Es ist mir ausgesprochen unangenehm, Sie zu so später Stunde zu behelligen, doch ich habe ein äußerst dringendes, menschliches Bedürfnis. Und ich möchte Sie höflichst bitten, es mir zu erlauben, mir in Ihren Sanitärräumen Erleichterung zu verschaffen.“ Er presste die Beine zusammen und legte die Hände in den Schritt. „Es wäre wirklich ausgesprochen dringend, wenn ich das anfügen darf.“

War es der Whiskey oder hatte der Junge sie schlicht und einfach überrumpelt, bevor sie richtig aus ihrem Nickerchen erwacht war. Diese Frage stellte Sam sich in den folgenden Jahren sicherlich tausend Mal. Wie auch immer – sie trat zur Seite und der Junge marschierte selbstbewusst ins Haus.

Er blickte sich um. „Wie ich sehe, haben Sie hier eine imposante Überwachungsanlage eingerichtet.“ Er lächelte sie kühl an – und da fielen sie ihr zum ersten Mal bewusst auf: Seine tiefschwarzen Augen.

„Die Sanitärräume?“

Sie zeigte mechanisch auf die Tür.

„Besten Dank Mylady“, sagte er und verschwand in der Toilette.

Sam hörte die Spülung und das Wasser am Waschbecken, ehe der Junge wieder erschien. Er zog die Tür hinter sich zu und blickte sie stumm an.

Sie konnte ihren Blick nicht von seinen Augen nehmen. Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass der Mensch etwa alle vier bis sechs Sekunden blinzelte. Doch sie hatte das Gefühl, dass es deutlich länger dauerte, bis sich ihre Lider für ein kaum merkbare Zeit schlossen. Und diese Zeit reichte aus. Reichte aus dafür, dass die Augen des Jungen von tiefem Schwarz zu leuchtendem Blau wechselten.

„Habt Dank Mylady“, grinste er und dieses Mal wirkte sein Lächeln echt. „Gehabt euch wohl.“

Sam blickte ihm hinterher, wie er - ein fröhliches Lied pfeifend - langsam in der Dunkelheit verschwand.

***

„Hey Sam! Und, heute Nacht wieder nichts geschehen?“ Barry grinste sie spitzbübisch an, marschierte geradewegs zum Überwachungsmonitor und sah sich die Aufzeichnungen der Nacht im Schnelldurchlauf an. Plötzlich stockte er. Spulte die Aufzeichnung etwas zurück. Sah sich die Aufzeichnung nochmals an. Spulte zurück. Sah sich das Ganze nochmals an. „Wieso in aller Welt öffnest du die Tür, starrst für drei Minuten apathisch in die Gegend und schließt sie dann wieder?“

Sam rückte näher und sah sich die Aufzeichnung selbst an. Die Zeit, zu der der Junge im Haus war. Doch er war auf der Aufzeichnung nicht zu sehen. Nur sie. In ihrer zugegeben dümmlichen Köperhaltung.

Barry blickte sie ernst an. „Sam, was zur Hölle ist mit deinen Augen … .“ Er griff sich an die Brust und sackte zusammen.

Ähnlich erging es dem Rettungssanitäter etwa zehn Minuten später.

Da begriff Sam, was es mit ihren nunmehr tiefschwarzen Augen auf sich hatte.

*** Heute ***

„Und wie sind Sie Ihre schwarzen Augen wieder losgeworden?“ German hatte da schon eine Idee. Doch er konnte sich nicht vorstellen, dass diese zwar etwas schräge, aber auf ihre Art sympathische Rockerbraut wahllos Menschen ermordete, nur um ihre schwarzen Augen los zu werden. Sie sah schlicht nicht aus, wie ein Massenmörder. Andererseits: Die junge Frau vergangenen Nacht wirkte auch harmlos. 50 Menschen sollten auf ihr Konto gehen? Gut, er selbst hatte – sofern Sams Story stimmte – auch bereits zwei Menschen ins Jenseits befördert. Allerdings wusste er ja nicht, was er da tat, das immerhin musste er sich zugutehalten.

Sam lachte. „Jetzt fragst du dich vermutlich, ob die gute alte Sam eine Massenmörderin ist. Wo sie doch so freundlich aussieht. Nun, sagen wir mal so. Ja und nein. Als mir klar wurde, was der Junge da mit mir angestellt hatte, war mein erster Impuls: Ich muss das loswerden. So schnell wie möglich. Andererseits konnte ich doch nicht durch die Gegend laufen, und wahllose Leute ermorden. Dann dachte ich an Selbstmord, entschied mich aber doch für die Sonnenbrille. Eines Tages aber passierte es. Es war etwa zwei Jahre her, dass ich mich infiziert hatte, wie ich es nenne. Meine Schwester stand heulend vor meiner Tür. Ihr feiner Göttergatte hatte sie mal wieder grün und blau geschlagen. Doch an diesem Tag hatte er es übertrieben. Ihr Gesicht sah aus wie ein Trümmerfeld. Ich brachte sie ins Krankenhaus und besuchte meinen Schwager. Tags darauf schied er an einem Schlaganfall dahin. Die Ärzte sagten, wäre ihm sofort geholfen worden, hätte er überlebt. Nur leider war seine Gattin ja im Krankenhaus. Offiziell sagte ich nur, Karma ist eben eine Bitch! Doch ich wusste, dass ich ihn auf dem Gewissen hatte. Aber er lastete nicht schwer darauf. Und so begann ich, gezielt schlechten Menschen in die Augen zu sehen.“ Sam grinste zufrieden und goss sich etwas Whisky nach.

„Und wie viele … ?“

„Frag nicht. Ich würde sagen dreistellig sicher. Ich habe sie nicht gezählt.“

„Und dann?“

„Nun ja. Eines Tages war es schließlich soweit. Eine Frau. Sie war Anwältin. Strafverteidigerin. Hat meist Vergewaltiger und Kinderschänder vertreten. Ihre Erfolgsquote war extrem hoch. Was daran lag, dass sie Opfer und Zeugen vor der Aussage unter Druck setzte. Doch sie war gut. Mehrere Ermittlungsverfahren gegen sie wurden eingestellt. Mangels Beweisen. Ich täuschte einen Raubüberfall vor und blickte ihr in die Augen. Ich sah, wie ihre Augen schwarz wurden. Und dann schlug sie mich zusammen. Die Schlampe konnte Krav Maga. Sie hätte mich fast totgeschlagen und ließ mich dann einfach liegen. Wochen später, als ich wieder halbwegs mobil war, fand ich sie wieder. Ihre Augen waren normal. Keine Ahnung, wie viele Menschen sie in der Zwischenzeit ermordet hatte. Aber die Schlampe hat es sicherlich genossen. Sie starb bei einem Autounfall. Bevor ich herausbekommen konnte, wem sie die Black Eyes übertragen hatte.“

„Und dann?“ Germans Interesse war geweckt – obwohl er das gar nicht wollte.

„Nun ja. Ich wusste von einigen ihrer Mandanten. Also setzte ich mich in Strafprozesse, die von ihrer Kanzlei vertreten wurden. Und dann, nach etwa vier Wochen sah ich ihn. Ein Zeuge. Ein kleiner Drogendealer. Der Richter forderte ihn barsch auf, im Zeugenstand seine Sonnenbrille abzunehmen. Noch im Prozess verstarb der Richter an einem Herzinfarkt. Also hängte ich mich an seine Fersen. Ich führte mit ihm – und vielen anderen danach – das gleiche Gespräch, wie mit dir heute. Freilich war er uneinsichtig. Wie all die, die ihm folgten. Und schließlich bin ich bei dir gelandet.“

„Und warum haben Sie diesen Dealer nicht umgebracht?“

„Die Black Eyes verschwinden nicht so einfach. Im Falle des Todes des Infizierten suchen sie sich einen neuen Träger. Und dann hätte ich weder etwas gewonnen, noch das Problem gelöst.“

„Woher wissen Sie das?“

„Nun, ich habe recherchiert. In England. Alte Sagen, Mythen; Märchen. Ich habe mich in praktisch allen Ortsbibliotheken und Pubs der West Midlands herumgetrieben und mit Einheimischen geredet. Habe mit alten Trunkenbolden in stickigen, schummrigen Pubs dermaßen viel schaumloses Ale und Whisky in mich hineingeschüttet, dass ich schon befürchtete, Alkoholikerin zu werden. Und langsam hat sich alles zusammengefügt.“

*** City of Broadway, “The Golden Crown Pub”, drei Jahre zuvor ***

„Nun, junge Dame, ich vermute, Sie sind auf eine Mauer des Schweigens gestoßen.“ Stanley grinste wissend und gönnte sich einen großen Schluck Whisky.

Sam hatte den Barkeeper gefragt, ob ihr hier irgendjemand etwas über alte, regionale Mythen erzählen könnte. Offiziell schrieb sie eine wissenschaftliche Arbeit zu dem Thema.

„Der alte Stan da hinten. Für ein paar Whisky erzählt der Ihnen alles“, brummte der Bartender. Also bestellt Sam zwei Whisky, bezahlte sie und ging in die dunkle Ecke, wo ein Mann von sicherlich 75 Jahren in sein Ale starrte. Seine grauen Haare standen wirr ab. Sein etwas aufgedunsenes, faltiges Gesicht ließ auf erheblichen Alkoholkonsum schließen und sein lückenhaftes Gebiss inmitten des struppigen Vollbarts auf mangelnde Mundhygiene. Doch seine hellblauen Augen waren wach und freundlich. Und auch wenn er insgesamt etwas heruntergekommen wirkte, war er Sam auf Anhieb sympathisch.

„Sind Sie Stan?“

Stan stand auf und deutete eine Verbeugung an. „Stanley Patel. Zu Ihren Diensten Myladay. Doch nennen Sie mich ruhig Stan, das machen alle hier.“

Sam setzte sich auf den angebotenen Stuhl und schob Stan seinen Whisky hin.

„Nun, was will eine hübsche junge Dame von einem alten Trunkenbold wie mir?“

„Alte Geschichten, Mythen.“

„Nun, da sind Sie bei dem alten Stan genau richtig.“ Er blickte ihr tief in die Augen. „Sie waren betroffen“, stellte er fest.

„Bitte?“

„Black Eyes. Sie hatten es. Es bleibt immer ein kleiner Rest zurück. Man sieht es an den Pupillen. Schauen Sie mich an. Und jetzt suchen Sie nach Antworten. Nun, junge Dame, ich vermute, Sie sind auf eine Mauer des Schweigens gestoßen.“

*** Heute ***

„Und dank dem guten alten Stan weiß ich nun, wie wir das Problem vielleicht lösen können.“ Sam ließ sich zurücksinken und blickte German erwartungsvoll an.

„Und was hat das mit mir zu tun?“

„Du, Jungelchen, bist der Schlüssel. Vielleicht können wir die Augen dahin zurückbringen, wo sie herkamen. Und damit gleichzeitig auch dein Problem lösen.“

„Und was muss ich dafür tun?“

„Du musst mit mir nach England kommen.“

*** City of Broadway, Großbritannien, einsames Haus auf dem Land **

„Hello darling!“ Stan saß gemütlich auf einer klapprigen Hollywood-Schaukel vor dem heruntergekommenen Haus und hob zum Gruß seine Hand, in der er – wie sollte es auch anders sein – ein Kristallglas mit einer braunen Flüssigkeit hielt. Die dazu passende Flasche stand auf dem Boden.

Sam ließ sich neben ihn auf den Sitz fallen und die Schaukel knarzte bedrohlich. „Stan, das ist German.“

Ah, the poor boy withe the black eyes. Welcome to Broadway”, grinste Stan. „Lass bloß die Sonnenbrille auf.”

„Das also ist das Haus, wo alles begann?“

„Ja, das Haus, in dem Sam auf die Kinder wartete. Mein Haus, zu allem Unglück. Hätte ich gewusst, dass das wieder passiert, hätte ich die alte Bruchbude damals nie und nimmer vermietet.“

„Und wie genau lautet der Plan?“ German hasste es, dass er die Informationen immer nur bruchstückhaft bekam.

„Simpel“, erwiderte Sam, während sie sich auch ein Glas füllte. Inzwischen hatte sie sich an den schottischen Singlemalt gewöhnt. „Wir machen es uns hier gemütlich und warten auf das Kind. Wenn es dann kommt, lassen wir es herein. Dann schaust du ihm tief in seine verfickten, schwarzen Augen und der Spuk ist vorbei.“

„Klingt einfach.“

„Ist es aber nicht“, grinste Stan. „Wir sollten nämlich halbwegs nüchtern bleiben, bis der Junge kommt.“

*** Zwei Wochen später ***

„Glauben Sie, dass irgendwann noch eines dieser Kinder kommt?“ German war inzwischen extrem genervt. Stan schoss sich jeden Abend ins Aus und erzählte immer wieder die gleichen Geschichten. Wie er zum ‚Black Eye‘ wurde. Wie er es wieder los wurde. An einen Krautfresser, wie er Deutsche bezeichnete. Ohne daran zu denken, dass er damit auch Sam und German beleidigte. Obwohl, vermutlich war ihm das völlig klar, nur interessierte es ihn nicht die Bohne. Sam hingegen wurde von Tag zu Tag schweigsamer. Und Germans Chef hatte ihn schon vor einer Woche gefeuert. Nachdem er am Telefon eine minutenlange Hasstirade auf seinen ehemaligen Mitarbeiter abgesondert hatte.

Und wofür? Für nichts. German hatte schon mehrfach überlegt, Sam oder dem alten Saufbold einfach tief in die Augen zu blicken. Doch selbst bei den beiden konnte er sich nicht sicher sein, ob sie sich wieder infizieren würden, oder ob sie inzwischen immun waren. Oder einfach sterben würden.

Also wartete er. Und wartete. Wartete.

Bis zu diesem Abend.

German war inzwischen auch dazu übergegangen, sich an den abendlichen Whisky-Orgien zu beteiligen. So auch heute. Sein Glas wies inzwischen die fünfte Füllung auf, als es an der Haustür klopfte. Stan blickte auf und ging zur Tür. Vor ihm stand ein etwa zwölfjähriger Junge mit aschblondem Haar. Er trug etwas, das aussah, wie eine Schuluniform. Shorts, ein akkurat zugeknöpftes Sakko, weißes Hemd, Krawatte und eine Kappe.

„Bitte entschuldigen Sie die Störung, Mylord. Es ist mir ausgesprochen unangenehm, Sie zu so später Stunde zu behelligen, doch ich habe ein äußerst dringendes, menschliches Bedürfnis. Und ich möchte Sie höflichst bitten, es mir zu erlauben, mir in Ihren Sanitärräumen Erleichterung zu verschaffen.“ Er presste die Beine zusammen und legte die Hände in den Schritt. „Es wäre wirklich ausgesprochen dringend, wenn ich das anfügen darf.“

Stan gab den Eingang frei und wies auf das Badezimmer. Der Junge verschwand und Stan winkte German zu sich. „Dein Auftritt, Krautfresser“, grinste er und stellte sich in eine dunkle Ecke.

Die Spülung wurde betätigt, der Wasserhahn geöffnet und wieder geschlossen und der Junge trat heraus.

„Habt Dank, Myl… .“ Der Junge stockte.

German blickte ihm tief in die Augen.

Der Junge begann am ganzen Körper zu zittern. Dann krampfte er, als hätte er einen epileptischen Anfall. Er zuckte willkürlich. Fiel zu Boden. Bäumte sich auf. Klappte zusammen. Explodierte. Schwarzer Schleim verteilte sich im Flur. Auf dem Boden. An den Wänden. An der Decke. Metallisch wirkende Knochensplitter verteilten sich in dem schummrigen Vorraum. Trafen German und Stan.

Dann war es vorbei.

Der Junge war Geschichte. Nur Splitter und schwarzer Schleim, der zähflüssig von den Wänden, der Decke und von German und Stan heruntertroff, zeugten davon, dass er jemals existiert hatte.

German schaute zu Stan, der sich langsam aus seiner Nische herausbewegte. Gemeinsam wandten sie sich zur Tür und gingen hinaus.

Sam, die von der ganzen Sauerei nur wenig abbekommen hatte, blickte ihnen mit tiefschwarzen Augen hinterher. Wie sie nebeneinander die Straße entlang liefen. Wie ihre Silhouetten immer mehr verschwammen.

Und wie sie sich im Mondlicht auflösten.

Was Sam nicht sehen konnte war der Mann, welcher sich im Halbdunkel des Waldes versteckte. Er hatte es sich in einem verwaisten Hochsitz gemütlich gemacht und Sam schon bei ihrem ersten Aufenthalt vor vielen Jahren hier beobachtet. Und seither nicht mehr aus den Augen gelassen. Zuviel Geld hatte er investiert, um sie dazu zu bringen, nach einer Lösung zu suchen. Zu Anfang sah es so aus, als sei sein Plan aufgegangen. Sam infizierte sich. Doch dann betätigte sie sich einige Jahre als Mörderin. Aber schließlich, als er schon beinahe aufgegeben hatte, erledigte sie doch unwissentlich ihre Aufgabe. Spürte diesen Stan auf und kam mit ihm und dem Krautfresser hierher. Stan, der alte Säufer. Stan, der ihm das angetan hatte.

Er nahm das Fernglas von seinen schwarzen Augen und seufzte. Sams Plan war nicht aufgegangen. Kein Happy End für sie, Stan oder den Jungen. Und damit auch keines für ihn.

Er wählte eine Nummer mit seinem Smartphone. Und das Haus, in dessen Eingangstür Sam stand und ihren ehemaligen Gefährten nachblickte, verwandelte sich in einen lodernden Feuerball.

 

ENDE

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